Neuromythologie

Das Team von Neuro Culture Lab im Nuklearmedizinischen Labor - Felix Hasler (l), Nenad Brcic (r)

Das Team von Neuro Culture Lab im Nuklearmedizinischen Labor - Felix Hasler (l), Nenad Brcic (r)

Wieder einmal ist George Bush Schuld. Ausnahmsweise nicht der Sohn, sondern der Vater: „Ich, George Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erkläre hiermit die am 1. Januar 1990 beginnende Dekade zur Dekade des Gehirns.“ Mit dieser präsidialen Proklamation und den entsprechenden Budgets und Forschungsprogrammen hat Bush Senior den Startschuss zum beispiellosen Siegeszug der Neurowissenschaften gegeben. Mit der unvorhergesehenen Nebenwirkung, dass heute kaum mehr ein artfremdes Wissensgebiet vor der Invasion durch die Hirnforschung sicher ist.

Neuroinflation

Tatsächlich scheint es fast keine Forschungsdisziplin mehr zu geben, die sich nicht mit der Vorsilbe „Neuro-„ modernisieren und mit der Aura vermeintlicher experimenteller Beweisbarkeit veredeln liesse. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind knapp zwanzig Jahre nach Bushs Aufruf zu vermelden: Neurophilosophie, Neurotheologie, Neuroethik, Neuroökonomie und Neuromarketing sowie die sozialen Neurowissenschaften. Wer es als Forscher gerne richtig exotisch hat, für den gäbe es noch Neuroästhetik, Neuropsychoanalyse oder Neuroedukation. Dabei reklamiert jedes der neuen Fächer seine Existenzberechtigung per Verweis darauf, die ursprünglichen Disziplinen mit den „neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung“ zu reformieren.

Ich, der Bioautomat

Der in den Medien omnipräsente Neurohype führt zu einer Durchdringung unserer Lebenswelt mit neurobiologischen Erklärungsmodellen. Was wiederum unser Selbstbild verändert – die eigene Vorstellung davon, was wir dem Wesen nach eigentlich sind. Wer im einundzwanzigsten Jahrhundert noch ernsthaft an die autonome Existenz einer Seele glaubt oder sich nur schon als Geist-Gehirn-Dualist outet, riskiert als hoffnungslos reaktionär und unaufgeklärt zu gelten. Auf dem Weg in die Moderne gilt es allerdings erst einmal die Entwicklung vom intuitiv gefühlten Dualisten zum wissenschaftlich informierten und daher zum biologischen Materialismus konvertierten Menschen zu vollziehen. Zähneknirschend haben sich mittlerweile schon Viele von den veralteten Vorstellungen von autonomem Geist und freiem Willen verabschiedet. Immerhin – auch als evolutionsgesteuerter Bioautomat ohne tieferen Sinn und Zweck lässt es sich im Alltag ganz gut leben. Und mit der konsequenten Umsetzung im Alltag hapert es ohnehin. Unwahrscheinlich schliesslich, dass wir eines Tages sagen werden: „Boah, mein Gyrus fusiformis ist heute wieder mal mies durchblutet, ich hätte ja vorhin meinen Nachbarn fast nicht erkannt“.

Die voranschreitende Neurologisierung der Gesellschaft ist auch auf dem Radar der Sozialforscher aufgetaucht. So fand vor kurzem am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ein Workshop mit dem Titel „Neurocultures“ statt. Renommierte Wissenschaftler haben dort die zunehmende Identifikation des Menschen mit seinem Hirn diskutiert. Der britische Soziologe Nikolas Rose spricht bereits von „neurochemischen Selbsten“ und der Historiker Fernando Vidal sieht uns als „zerebrale Subjekte“. Und dann wäre da noch der „Homo cerebralis“, den Michael Hagner, ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, als neue Spezies am gesellschaftlichen Horizont erscheinen sieht.

Bin ich mein Gehirn?

All diesen Bezeichnungen gemeinsam ist die Sichtweise, dass wir gerade dabei sind, uns auf die Funktionsweise eines einzigen Körperorgans – unseres Gehirns – zu reduzieren: Wir sind unser Gehirn. Alles, was uns beschäftigt, erfreut oder ärgert, letztlich jede Erlebnisqualität ist irgendwo in unserem Hirn verdrahtet. Das ist erst einmal trivial und wirklich keine neue Erkenntnis. Neu ist allerdings die Vorstellung, dass sich auch komplexe Bewusstseinsvorgänge wie Liebe, ethische Entscheidung oder ästhetischer Genuss direkt im Hirn nachweisen lassen sollen. Ob wir SVP oder Die Grünen wählen, an Gott glauben, uns dauernd oder nie verlieben oder gar tief in uns ein Kettensägen schwingendes Monster schlummert – alles habe seine neuronalen Korrelate im Gehirn, die sich im Prinzip auch nachweisen lassen. Soweit die verbreitete Lehrmeinung. Und laut schlägt die Stunde der Bildgebenden Verfahren.

Etwa zeitgleich mit der Ausrufung der „Dekade des Gehirns“ wurden die funktionelle Magnetresonanz (fMRT) und verschiedene nuklearmedizinische Tomographie-Verfahren verfügbar. Diese Neuroimaging Methoden machen es den Forschern heute überhaupt erst möglich, den Blick ins akut glaubende, liebende oder hoffende Hirn zu versuchen. Oder nach den neuronalen Spuren jahrzehntelanger Meditation oder einer psychopathischen Persönlichkeitsstruktur zu fahnden. Ursprünglich entwickelt wurden diese Messtechniken allerdings für andere Anwendungen, nämlich ganz bescheiden für hirnanatomische und funktionelle Studien. Und genau zu diesem Zweck waren und sind Magnetresonanz und Co. auch erfolgreichen im Einsatz: Grundlegende Hirnleistungen wie etwa Bewegungssteuerung oder Wahrnehmung lassen sich damit ziemlich präzise charakterisieren. Der Sprung von der neuroanatomischen Grundlagenforschung hin zur Identifizierung der Biologie komplexer psychischer Vorgänge wie spirituellem Erleben oder gar sozial geprägtem ökonomischem Verhalten scheint nun Vielen etwas gar gross geraten zu sein.

Gefährlich bunte Bilder

In Fachkreisen wird nicht bloss allgemeine Grundsatzkritik geübt, etwa dass das Gehirn nicht als anatomisch-funktionelles Organ losgelöst von jeder kulturellen Wechselwirkung in ein Labor gezerrt und dort adäquat untersucht werden kann. Massive Probleme liegen in den Bildgebenden Methoden selbst. Komplexe geistige Funktionen sind nämlich gar nicht an bestimmten Orten im Gehirn fest verankert. Von dieser Vorstellung ist man eigentlich schon in den achtziger Jahren abgerückt. Es scheint vielmehr so zu sein, dass fluktuierende neuronale Netzwerke in einem komplexen dynamischen Zusammenspiel aus gegenseitiger Aktivierung und Hemmung unser bewusstes Erleben ermöglichen. Und gerade die so wichtige zeitliche Auflösung ist beim Neuroimaging mehr als bescheiden. In Fachkreisen hagelt es auch jede Menge Kritik an den angewandten statistischen Methoden. So wird bemängelt, dass viele Bildgebungsstudien ohne jede Ausgangshypothese gemacht werden. Auf die erhobenen Messdaten werden später die verschiedensten statistischen Verfahren angewandt, bis man irgendwo Signifikanzen entdeckt, so die Kritik. Dann wird deren Effektstärke berichtet und im Nachhinein nach einer Erklärung gesucht, warum gerade hier und dort im Gehirn eine Aktivierung zu finden ist. Kurz gesagt: einfach mal im Trüben fischen und dann so tun, als hätte man von Anfang an gewusst, wonach man (natürlich erfolgreich) sucht. Bereits als Klassiker kann das unter Statistikern beliebte Gleichnis mit dem texanischen Scharfschützen gelten. Man stelle sich vor, ein Revolverheld ballere wahllos auf ein Scheunentor. Dann zeichnet er die Zielscheibe um jene Einschusslöcher, die nahe beieinander liegen. Ein paar Volltreffer sind dem Schützen somit sicher. Ähnlich verhalte es sich mit dem Aufspüren von Korrelationen bei gewissen fMRT-Experimenten, so die Kritiker. Allein schon aufgrund ihrer Erscheinungsform entwickeln die bunten Tomographiebilder die gefährliche Suggestivkraft einer wahrheitsgetreuen Abbildung. Dabei sollte man nicht vergessen, dass es sich eben nicht um eine Art unscharfes Foto handelt, sondern nur um computergenerierte und ansehnlich fürs Auge aufbereitete statistisch-parametrische Berechnungen. Und schon geringe Änderungen der Ausgangsparameter können das Ergebnis dramatisch beeinflussen.

Der Neuro-Zug rollt

Es erstaunt somit nicht, dass kritische Neurowissenschaftler selbst zunehmend gereizter reagieren angesichts der überambitionierten Bildgebungsstudien ihrer Kollegen und den immer neuen Sensationsmeldungen aus den Neuro-Bindestrich-Wissenschaften. In einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung ärgert sich Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich: „Es wird zu viel versprochen, zu schnell Sensationelles verkündet, und vor allem wollen zu viele auf den Neuro-Zug aufspringen und ein wenig vom vermeintlichen Glanz abbekommen.“ Der Professor erkennt „eine metastatisch ausufernde Flut von fragwürdigen und wissenschaftlich kaum noch zu verantwortenden „Befunden“ aus dem Bereich der vermeintlichen Hirnforschung“ und plädiert für „etwas mehr Demut in Umgang mit dem Gehirn und vor allem mit neurowissenschaftlichen Befunden.“

Hirnüberschätzungs-Syndrom

Nicht ohne Sarkasmus glaubt der amerikanische Psychologe und Rechtsprofessor Stephen J. Morse mit dem „Hirnüberschätzungs-Syndrom“ eine neue „kognitive Krankheit“ entdeckt zu haben. Diese soll „häufig diejenigen befallen, die sich durch die faszinierenden neuen Entdeckungen in den Neurowissenschaften begeistern lassen“. Morse gibt zu bedenken, dass wir „noch immer elend wenig darüber wissen, wie das Gehirn geistige Prozesse ermöglicht, und speziell darüber, wie Bewusstsein und Intentionalität aus dem komplizierten Brocken Materie namens „Gehirn“ entsteht.“ Der kauzige Wissenschaftler identifiziert Neuroimaging-Studien als „stärksten Krankheitserreger zur Erzeugung des Hirnüberschätzungs-Syndroms“, welches seiner Meinung nach „im Endstadium dazu führt, Behauptungen über die Beziehung von Gehirn und Verantwortlichkeit zu machen, die weder logisch noch empirisch haltbar sind.“

Riskante Gehirne

Morses „Hirnüberschätzungs-Syndrom“ verdeutlicht den weltanschaulichen Kulturkampf, wie er gegenwärtig insbesondere unter Rechtswissenschaftlern geführt wird. Schon aufgrund der praktischen Relevanz spitzt sich in der Rechtsprechung die Diskussion über die Biologisierung des Subjekts zu. Der alte Streit über echte Willens- und Handlungsfreiheit eines Täters und die daraus abzuleitende Reform des Strafgesetzes hat sich glücklicherweise etwas beruhigt. Was bleibt ist die Frage, wie in der Ära der Neurobiologie mit riskanten Gehirnen umzugehen ist. Prävention ist das Gebot der Stunde und Soziologe Nikolas Rose diskutiert schon den Wandel von Foucaults „Überwachen und Strafen“ als klassische regulatorische Maxime der Gesellschaft hin zum „screen and intervene“. In der forensischen Psychiatrie wird längst nach biologischen Risikoindikatoren für kriminelles Verhalten gesucht. Gelingt es, neurochemische Anomalien zu identifizieren, die zu gestörter Impulskontrolle und Aggressivität führen ? Mittels Gentests und Bildgebenden Verfahren hofft man, Anzeichen beispielsweise einer asozialen Persönlichkeitsstörung schon lange vor einer Straftat zu erkennen. Um dann den verhinderten Straftäter wahlweise zu therapieren oder wenigstens zu überwachen. Vielen Strafrechtlern ist bei dieser Vorstellung äusserst unwohl. Manch einer fühlt sich gar an die längst überwunden geglaubte Zeit der forensischen Phrenologie des neunzehnten Jahrhunderts erinnert. (In seinem 1876 veröffentlichten Werk L’uomo delinquente stellte der italienische Arzt Cesare Lombroso unter allgemeinem Beifall seine berüchtigte Lehre vom „geborenen Verbrecher“ dar.)

Neuroskepsis statt Neurospekulation

Nein, man wird nicht schon bald dem Menschen beim Denken zusehen können. Nein, auch die biologische Früherkennung einer geradewegs in die Kriminalität führenden Persönlichkeit wird nicht möglich sein. In den Neurowissenschaften herrscht gerade ein gewaltiges Durcheinander von Fakten und Fiktionen. Interessanterweise könnte die Therapie des „Hirnüberschätzungs-Syndroms“ nun sogar aus den eigenen Reihen kommen. Die vor kurzem gegründete Disziplin der „kritischen Neurowissenschaften“ hat Brachial-Reduktionismus und Neurospekulation nämlich bereits den Krieg erklärt. Mit etwas Glück bleiben uns so wenigstens Neuroarchitektur und Neurojournalismus erspart.

© neuro culture lab

Link zum Neurocultures Workshop (MPIWG-Mediathek)

Publiziert in:

DAS MAGAZIN, 2009-43

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4 Responses to “Neuromythologie”

  1. Hans Martens says:

    Die Erforschung des Gehirns mit der bildgebenden Magnetresonanz ist eine äusserst spannende Methodik. Man beginnt, die Vorgänge des Gehirns, sogar der Seele(!) sichtbar machen zu können. Da flippt doch jeder Normaljournalist aus, der Normal-Leser ebenso. Und vergisst eben, dass es erst eine Vorwissenschaft ist. Wenn man schon die Konzepte der Wissenschaft nicht versteht, kann man deren Front, eben die Vorwissenschaft erst recht nicht richtig einstufen.

    Die Forschjer sind mitverantwortlich für den Hype. Systembedingt müssen sie jeweils mehr versprechen, als sie jemals einlösen können – sonst gibt’s keine Forschungsgelder. Das ist in der Physik oder den Umweltwissenschaften nicht anders; die Neurowissenschaft macht da keine Ausnahme!

  2. meinu says:

    “Um dann den verhinderten Straftäter wahlweise zu therapieren oder wenigstens zu überwachen.”

    ja warum nicht? Auch aus anderer Sicht ist es sinnvoll, früh im Leben, d.h. 6-7jährige Kinder zu screenen: Die Erfassung von Mini-behinderungen und richtige Betreuung, Förderung etc. zum richtigen Zeitpunkt verhindert, dass sich ein Kind unverstanden fühlt und darum – wie es oft Buben halt tun- die ganze Klasse beim Lernen stört. Selbst bei kleinen Klassen ist eine Lehrkraft überfordert, um auf jedes Kind einzugehen. Ich glaub schon, dass wir mit dem was wir haben anders umgehen könnten, um frustfreiere Menschen und damit auch Frieden zu haben. Natürlich wäre das ein globales Unterfangen, also illusorisch.

  3. Sascha Fels says:

    Danke für den umsichtigen Artikel!

    Ein kürzlicher Essay über “Neuro-Romane” bietet am Ende einen Erklärungsversuch für die Konjunktur des Phänomens im Kontext der Belletristik an:

    “…the 20th-century decline of religion meant a common moral frame of reference couldn’t be taken for granted either. So postwar writers as different as Nabokov and Sarraute and Bellow were thrown back on themselves. But at least they retained that subject matter: the personal, the self. It now seems we’ve gone beyond the loss of society and religion to the loss of the self, an object whose intricacies can only be described by future science. It’s not, of course, that morality, society, and selfhood no longer exist, but they are now the property of specialists writing in the idioms of their disciplines. So the new genre of the neuronovel, which looks on the face of it to expand the writ of literature, appears as another sign of the novel’s diminishing purview.” Marco Roth ‘The Rise of the Neuronovel’, http://www.nplusonemag.com/rise-neuronovel

    Dieses Jahr sind wir noch knapp um einen “schweizerischen” Nobelpreis für Neuroökonomie herumgekommen. Mit einem solchen wäre es wohl vor lauter chauvinistischem Brustgetrommel (nicht etwa nur im Boulevard, sondern gerade auch innerhalb der stets nach Re-Legitimierung dürstenden Academia) zusätzlich schwierig, der Feststellung Gewicht zu verschaffen, dass Untersuchungen zur Gehirnfunktion uns zwar da und dort sicher weiterbringen können – allerdings gerade dann besonders wenig, wenn man, hypnotisiert von eindrücklichen Korellations-Bildern, sich 1) darauf beschränkt, gehorsame Probanden durch leicht reproduzierbare, aber dümmliche Settings zu törichten “Pavlov’schen” Reaktionsmuster verleitet und 2) daraus ableitet, dass der Mensch ökonomisch immer so dümmlich funktioniert.

  4. Super Artikel!

    Weiter so…

    Gruß aus Wien (hat ja doch irgendwie was mit Neuro zu tun ;-) )

    Markus