Drogen für die Zukunft

Heute hab ich was genommen. Ich bin hellwach, bester Laune und kann es kaum erwarten loszulegen. Hoch motiviert und zum Äussersten entschlossen, setze ich mich an den Computer, schreibe drauflos und stelle freudig fest: weit und breit keine Spur von Schreibstau.

Stimmt, so was ist nicht normal. Ursache meines ungewohnten Arbeitseifers sind zwei kleine Tabletten, die ich heute mit dem Frühstückskaffee heruntergespült habe. «Modafinil» steht auf der Packung. Eigentlich wurde das Medikament für Narkolepsie-Patienten entwickelt, für Menschen also, die auch am helllichten Tag plötzlich einnicken. Doch der Wachmacher wirkt auch bei Gesunden, sofort verfliegt jedes Bedürfnis nach Schlaf. Ich bin aufmerksamer, motivierter, effizienter – einfach besser als normal.

Medikamente für Gesunde, Doping fürs normale Hirn: Für die Pharmaindustrie eröffnet sich ein Milliardenmarkt, den sie bisher vernachlässigt hat. Mit dem gesunden Menschen lässt sich mindestens so viel Geld machen wie mit dem kranken. Smart drugs und brain boosters sollen unsere Leistung steigern und die Laune bessern, uns konzentrierter, wacher, schlauer machen.

Das neue Angebot an mentalen Kosmetika muss sich seine Nachfrage nicht lange suchen. Überfordert vom hoch getakteten Arbeitsalltag und überrollt von einer kaum mehr zu bewältigenden Informationsflut, sehnt sich das ermüdete Hirn nach dem Beistand pharmakologischer Helfer. Gar eine psychopharmakologische Revolution sieht das britische Office of Science and Technology auf uns zukommen. Die renommierte Denkfabrik, die auf wissenschaftlicher Grundlage gesellschaftsrelevante Entwicklungen abschätzt, hat sich unlängst im Auftrag der britischen Regierung mit der Zukunft der Hirnmedikamente beschäftigt. Sir David King, Projektleiter der Studie, wagt im Schlussbericht eine unbritisch verwegene Prophezeiung: «Wir stehen unmittelbar vor Entwicklungen, welche uns möglicherweise in eine Welt führen, in der wir Drogen nehmen, die uns helfen, zu lernen, schneller zu denken, zu entspannen, wirksamer zu schlafen oder sogar unsere Stimmung der unserer Freunde anzupassen.»

Mutter Natur hat uns betrogen

Tatsächlich hat diese Zukunft längst begonnen. Nach einer Studie, die das Fachmagazin Addiction veröffentlichte, haben an amerikanischen Colleges bereits sieben Prozent der Studenten zu verschreibungspflichtigen Stimulanzien wie Ritalin gegriffen, um ihre Leistung zu steigern. An einem College putschte sich gar ein Viertel der Studenten mit amphetaminartigen Substanzen für die Prüfung auf. Denn diese Tabletten machen nicht nur zappelige Kinder ruhiger und aufmerksamer, sie helfen auch den ganz normalen Studenten, sich besser zu konzentrieren.

An die Dopingmittel fürs Hirn heranzukommen, ist nicht schwer: Studenten mit echter Hyperaktivität geben gegen Bares gern etwas von ihrer Ritalin-Ration ab. Naheliegend darum die Frage, wie denn Schulen und Universitäten mit der steigenden Beliebtheit des pharmakologischen Hirn-Tunings umgehen sollen. Verbieten und Dopingkontrollen einführen, Pinkeltests vor der Prüfung? In den USA fordern das bereits einige Experten. Oder sollte man minderbegabte Schüler sogar gezielt mit den smart drugs fördern? Tatsächlich wurde schon vorgeschlagen, dass professionelle «Neuroedukatoren» auf «sensible und ethische Weise die Einführung der neurowissenschaftlichen Fortschritte ins Unterrichtswesen lenken».

Auch der prominente Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga, Autor des Buchs «The Ethical Brain», mag im gezielten Einsatz von Pharmaka für den Leistungskick auf der Schulbank keine Unlauterkeit erkennen. Ganz im Gegenteil: «Auf eine gewisse Art wurden wir von Mutter Natur betrogen, wenn wir kein überlegenes Denkorgan mitbekommen haben. Mit unserer eigenen Erfindungsgabe zurückzumogeln, scheint eine gescheite Sache zu sein. Meiner Meinung nach ist das genau das, was wir tun sollten.»

Alles super, aber

Die Pharmaindustrie hat das Potenzial erkannt. Mit Hochdruck entwickelt sie alltagstaugliche Psychopharmaka zur Steigerung der Hirnleistung. Modafinil ist ein Ergebnis dieser Forschungen. Die Muntermacher sind seit mehreren Jahren ein internationaler Verkaufsrenner, und seit meinem heutigen Selbstversuch mit 200 Milligramm Modasomil – so der Markenname in der Schweiz – ist mir auch völlig klar, warum.

Die unscheinbaren Tabletten machen genau das, was man von ihnen erwartet: wach. Zudem fördern sie die Konzentration und liefern den notorisch fehlenden Motivationsschub. Erstaunlicherweise fühlt sich das durchaus natürlich an – etwa so, wie wenn man einen dieser seltenen richtig guten Tage erwischt hat. Keine Spur von der unangenehmen Getriebenheit und hektischen Unruhe, die Amphetamine mit sich bringen, oder dem nervösen Gezittere nach ein paar Tassen Kaffee zu viel. Modafinil führt noch nicht einmal zu nennenswerten Appetit- oder Einschlafproblemen. Soweit man bisher weiss, macht das Mittel nicht süchtig und führt nicht zu einer Toleranzbildung, die einen zur Einnahme immer höherer Dosen zwingt.

Kaum Nebenwirkungen also – das sei etwas qualitativ ganz Neues, sagt die Pharmakologin Barbara Sahakian von der University of Cambridge. Seit Jahren untersucht sie die neuropsychologische Wirkung von Leistungssteigerern fürs Hirn: «Bis vor kurzem hatten psychotrope Medikamente signifikante Risiken und waren deshalb nur attraktiv, wenn der Nutzen für den Patienten noch grösser als die Risiken eingeschätzt wurde.» Jetzt allerdings werde es möglich, die Kognition mit minimalen Nebenwirkungen pharmakologisch aufzubessern.

Eine gewisse Vorsicht scheint dennoch angebracht. Nicht zuletzt deshalb, weil die Wirkungsweise von Modafinil alles andere als verstanden ist. «Niemand weiss wirklich, wie es funktioniert», gibt Sahakian zu bedenken. Klar ist bisher lediglich, dass Modafinil in einem komplizierten, mehrstufigen Prozess die wachheitsfördernden Histaminneurone im Hypothalamus enthemmt.

Auch die Neurowissenschaftlerin Martha Farah von der University of Pennsylvania hat Einwände: «Bei keinem Medikament, ob für Therapie oder Tuning, können wir uns ganz sicher sein, dass nicht subtile, seltene oder langfristige Nebenwirkungen auftreten.» Definitiv geschadet hat Modafinil schon mal der Karriere der US-amerikanischen Sprinterin Kelly White – sie wurde 2003 mit Modafinil-Abbauprodukten im Urin erwischt und vom Internationalen Leichtathletikverband für zwei Jahre gesperrt.

Da Dopingkontrollen im Journalismus noch nicht üblich sind, kann ich zuversichtlich sein, mit meinem Selbstversuch ungestraft davonzukommen. So richtig erlaubt ist meine effizienzsteigernde Massnahme allerdings nicht: Es handelt sich um einen klassischen Fall von off-label-Gebrauch – der Verwendung eines Medikaments ausserhalb der gesundheitsbehördlichen Zulassung. Schliesslich bin ich kein Narkoleptiker, der seine Schlafattacken kurieren will.

Off-Label-Gebrauch von Medikamenten ist jedoch nichts Ungewöhnliches. So werden sicher nicht alle der zu Millionen verkauften Viagra-Tabletten zur behördlich genehmigten Versteifung bei diagnostizierter «erektiler Dysfunktion des Mannes» eingenommen. Genauso unwahrscheinlich ist, dass der Modafinil-Hersteller Cephalon den Rekordumsatz seines Blockbusters im Geschäftsjahr 2005 – 513 Millionen Dollar – allein mit der behördlich abgesegneten Versorgung von Tagesschläfrigen erwirtschaftet hat.

Es drängt sich die Frage auf, wer in Zukunft Zugang zu den neuen kognitiven Stimulanzien haben soll und wie sich dieser Zugang regulieren liesse. Das Militär vertraut schon lange auf kognitionsverbessernde Psychopharmaka. Im Zweiten Weltkrieg putschten sich amerikanische Soldaten noch mit Amphetaminen (go pills) auf, die aber nicht selten psychotisch und abhängig machten. Modafinil scheint da vorteilhafter zu sein. Amerikanische Militärpiloten sollen auf ihren Einsätzen im Irak schon routinemässig mit dem Wachmacher gedopt sein.

Doch was ist mit Zivilisten, die in ihrem Beruf äusserst wach und konzentriert sein müssen, zum Beispiel Tankerkapitäne? Hätte die Havarie des Öltankers «Exxon Valdez» 1989 und damit eine der grössten Umweltkatastrophen der Seefahrt per Stimulanziengabe verhindert werden können? Und wäre die Luftfahrttragödie von Überlingen nicht passiert, wenn Skyguide ihre Fluglotsen bei Nachtschichten mit Modafinil versorgt hätte? Menschliches Fehlverhalten aufgrund von Übermüdung kann fatale Folgen haben. Wäre es nicht ethischer, alle Berufsgruppen mit Fremdgefährdungspotenzial schon vorsorglich mit Wachmachern fit zu dopen?

Aber wo ist die Grenze? Firmenchefs könnten auf die Idee kommen, auch ganz normale Arbeiter pharmakologisch zu tunen, um die Effizienz ihrer Unternehmen zu steigern: 36- Stunden-Schichten, kein Problem dank Modafinil? Die Neurowissenschaftlerin und Bioethikerin Martha Farah schliesst nicht aus, dass Hirndoping eines Tages zwangsverordnet wird: «Was, wenn die Sicherung des Arbeitsplatzes davon abhängt, der Anwendung neurokognitiver Verbesserungsmethoden zuzustimmen?»

Vergessen war gestern

Und es wird nicht bei Konzentrationshilfen und Wachmachern bleiben. Die Pharmalabors nehmen sich immer neue Bereiche der kognitiven Leistungsfähigkeit vor. Cortex Pharmaceuticals bastelt beispielsweise an einem Mittel, das das Denken beschleunigen soll, uns also regelrecht schlauer machen könnte. Ampakine sollen die Signalübertragung zwischen Nervenzellen im Stirnhirn erleichtern, die Substanzen CX717 und CX516 werden bereits getestet. Auch der Markenname steht schon fest: «Ampalex» soll die Hochgeschwindigkeitspille fürs Hirn heissen.

Die neuste Entwicklung der Psychopharmakologen ist ebenfalls noch in der Testphase: die Pille gegen das Vergessen. Eine der Firmen, die an der chemischen Merkhilfe arbeiten, gehört Eric Kandel. Der Hirnforscher erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für die Erforschung der molekularen Strukturen des Gedächtnisses. Mäusen hat er mit der Merkpille MEM 1414, welche das Wachstum der Synapsen im Hirn ankurbelt, schon zu einem verjüngten Gedächtnis verholfen.

Offiziell arbeiten die Forscher an dem Mittel, um die normale Vergesslichkeit im Alter zu bekämpfen. Die überalternde Gesellschaft in den industrialisierten Ländern mit ihrer zunehmenden Zahl von Demenzerkrankungen ist ein riesiger Zukunftsmarkt.

Im Jahr 2004 litten weltweit 18 Millionen Menschen an Demenzerkrankungen. Epidemiologen des britischen «Foresight»-Projekts gehen davon aus, dass im Jahr 2025 bereits 34 Millionen Demenzerkrankte zu erwarten sind, von denen 71 Prozent in den industrialisierten Ländern leben. (Was impliziert, dass sich ein Grossteil der Erkrankten die teuren neuen Medikamente auch wird leisten können.) Und die Behörden dürften die Pille gegen das Vergessen für Alte und Demente ohne Probleme zulassen.

Kein Risiko also für die Pharmaindustrie, dafür grosse Chancen auf zusätzlichen Umsatz: Denn auch die Merkpille hat das Zeug zum mentalen Muntermacher für jedermann. Schnell noch vor der Prüfung ein Buch reinziehen und zuverlässig abspeichern, flugs Vokabeln eintrichtern oder den Vortrag fix hochladen – wer träumt nicht davon? In ein paar Jahren könnte das Szenario Wirklichkeit werden, dann wird, meint Kandel, die Gedächtnispille auf dem Markt sein.

Der Fluch der Erinnerung

Doch ist es erstrebenswert, all die neuen Möglichkeiten bis zum Äussersten zu nutzen? Besser als normal zu sein, darin kann auch ein Fluch liegen. So werden Menschen mit fotografischem Gedächtnis ihre Erinnerungen oft nicht los, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen, weil ihr Hirn schier überquillt. Dieses Schicksal könnte auch dem hirngedopten Normalmenschen drohen, meint die Pharmakologin Barbara Sahakian: «Eines Tages könnten wir von Erinnerungen belastet werden, die wir eigentlich gar nicht wollen. Aber da wir dauernd pharmakologisch getunt sind, müssen wir uns einfach alles merken.»

Ich auf jeden Fall bin schon wieder ganz der Alte. Am Tag nach meinem Selbstversuch ist alles wie immer. Minutenlang blinkt das Cursorzeichen auf meinem Bildschirm nervig vor sich hin und wartet vergeblich darauf, dass ich einen halbwegs gescheiten Satz eingebe. Es ist also wahr – Modafinil hat auch keine Nachwirkungen.

© neuro culture lab

Hirndoping

Hirndoping, SF Schweizer Fernsehen, Sternstunde Religion, 01.01.2010

Ausgestrahlt bzw publiziert:

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2 Responses to “Drogen für die Zukunft”

  1. Felix Hasler says:

    Zu diesem Thema gibt es aktuell einen kritischen Artikel in der FAZ, den unser Freund Nick Langlitz geschrieben hat. “Das Gehirn ist kein Muskel” muss man unbedingt gelesen haben!

    Hier der Link dazu:

    http://www.faz.net/s/Rub7F74ED2FDF2B439794CC2D664921E7FF/Doc~EC8AFAD359F794C97B4E82E560F7AF7D7~ATpl~Ecommon~Scontent.html?rss_googlenews

  2. Diana says:

    “Es ist also wahr – Modafinil hat auch keine Nachwirkungen.”
    Jetzt nicht im Ernst, oder? Vor allem der letzte Satz eines solchen Berichtes bleibt im Gedächnis. Wer weiß denn, ob es Nachwirkungen gab? Das ist ja das Problem, dass es noch zu wenig Möglichkeiten gibt zu sagen, wie genau wo im Gehirn eingegriffen wird.
    Die Langzeitschäden die durch solche “Selbstversuche” entstehen können sind unabsehbar und allein dieser Schlusssatz ist einfach unverantwortlich für einen solchen Bericht.
    Man sollte wirklich nicht zu blauäugig an dieses Thema gehen.