Was will, wenn wir wollen?

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Hirnforscher und Geisteswissenschaftler liegen im Streit um die Willensfreiheit des Menschen. Die Beweisführung der Neurobiologen beruht auf Experimenten, deren Aussagekraft durch neue Untersuchungen in Frage gestellt wird.

Na gut – dann halt nicht. Dann haben wir eben keinen freien Willen und sind nur neuronengesteuerte Bioautomaten, deren Gehirn nach einem festgeschriebenen biologischen Programm entscheidet und handelt. Zu dieser trotzigen Erkenntis musste unser narzisstisch gekränktes Ego kommen, wenn man in den letzten Jahren die Feuilleton-Debatte über die „Illusion Willensfreiheit“ mitverfolgt hat. Angestossen wurde die mitunter sogar gehässig geführte Diskussion zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern von einigen prominenten Hirnforschern. Deren These in Kurzfassung: Während wir scheinbar noch an einem Problem hin und her überlegen hat unser Gehirn längst autonom hinter unserem Rücken entschieden. Was wir subjektiv als eigenständig gefällte Entscheidung empfinden, sei lediglich die Vollzugsmeldung unseres Gehirns für eine längst eingeleitete Aktion. Nicht viel mehr als der Quittungsbeleg zum Abheften für die Buchhaltung.

Gehirn macht, was es will

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“Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun”, ist das ernüchternde Fazit des Kognitionspsychologen Wolfgang Prinz, der den freien Willen lediglich für ein soziales Konstrukt hält. Dass der freie Wille nicht mehr als eine Illusion sei, davon ist auch Gerhard Roth von der Universität Bremen überzeugt. Der Neurobiologe lehnt sich weit aus dem Fenster, wenn es um die Unfreiheit des Willens geht. “Die Entthronung des Menschen als freies denkendes Wesen – das ist der Endpunkt, den wir erreichen”, so Roth in einem Interview. Und mit Wolf Singer, Direktor der Abteilung Neurophysiologie des Max Planck Instituts für Hirnforschung, ist das Triumvirat komplett, das sich der Demontage des “Mythos Willensfreiheit” verschrieben hat. “Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen”, das ist Singers Forderung. Sollte unser Gehirn tatsächlich willensautonom agieren, hätte dies weitreichende Konsequenzen. Gar eine Reform der Strafprozessordnung – die auf der grundsätzlichen Schuldfähigkeit des psychisch gesunden Menschen beruht – wurde von einigen Hirnforschern nahegelegt. “Eine Gesellschaft darf niemanden bestrafen, nur weil er in irgendeinem moralischen Sinne schuldig geworden ist – dies hätte nur dann Sinn, wenn dieses denkende Subjekt die Möglichkeit gehabt hätte, auch anders zu handeln als tatsächlich geschehen” gibt Biologe Roth zu bedenken.

Doch auf welchen Experimenten aus der Hirnforschung beruht die Sichtweise von Roth und Kollegen, dass unser Gehirn hinter unserem Rücken macht, was es will? Begibt man sich auf die neurobiologische Faktenebene, ist die Beweislage eher dürftig. Als Kronzeuge der Anklage amten in der experimentellen Beweisführung bis heute die Untersuchungen des amerikanischen Physiologen Benjamin Libet aus den frühen achtziger Jahren. Ausgangspunkt für Libets Experimente waren die “Bereitschaftspotentiale”. Darunter versteht man die mittels Hirnstrommessung ableitbare Aktivität in bestimmten Grosshirnarealen, die im Vorfeld von willkürlichen Bewegungen auftritt. In Libets Versuchsaufbau hatten die Testpersonen die Aufgabe, innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters nach eigenem Ermessen die Hand zu bewegen. Dazu sollten sich die Versuchsteilnehmer die Position eines Lichtpunkts auf einer Oszilloskop-Uhr merken, und zwar genau zu der Zeit, als sie subjektiv den Bewegungsentscheid gefällt hatten. Später wurden die Aussagen mit den aufgezeichneten Hirnströmen verglichen. Der berichtete Zeitpunkt des Handlungsentscheids lag erwartungsgemäss im Durchschnitt 200 Millisekunden vor der Ausführung. So weit, so gut. Zur grossen Überraschung Libets haben sich aber – gänzlich unbemerkt von den Versuchspersonen – bereits eine halbe Sekunde früher die Bereitschaftspotentiale in den motorischen Arealen des Gehirns aufgebaut. Offensichtlich hatte das Gehirn die Handlung also schon lange vor dem subjektiv wahrgenommenen Beschluss eingeleitet.

Erst einmal schien damit der Beweis für die willensunabhängige Autonomie des Gehirns erbracht worden zu sein. Doch schnell hagelte es Grundsatzkritik. So wurde argumentiert, es handle sich nur  um einen “blutleeren Laboreffekt”, der nichts mit einer echten Willensentscheidung zu tun hätte. Die eigentliche Handlungsentscheidung sei nämlich schon in dem Moment gefallen, als sich die Versuchsperson bereit erklärt hätte, am Experiment teilzunehmen. Was da gemessen wurde, sei lediglich der “letzte Willensruck” gewesen, die unbedeutende und konsequenzlose Teilentscheidung über das genaue “Wann” des bereits vorgefassten Tuns. Ganz abgesehen davon sei es sehr schwierig, den exakten Zeitpunkt einer bewussten Entscheidung experimentell zu messen.

Unaufmerksam wollen

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Doch jetzt es kommt noch schlimmer. Gewissermassen unter “friendly fire” aus den eigenen Hirnforscher-Reihen geraten die Libet-Befunde nämlich durch aktuelle Untersuchungen des Experimentalpsychologen Hakwan Lau vom renommierten Wellcome Trust Functional Imaging Laboratory in London. Mit funktioneller Bildgebung hat Lau Abwandlungen der Libet-Experimente durchgeführt. Anstelle der EEG-Bereitschaftspotentiale hat er die auftretenden Hirnaktivierungsmuster untersucht. Dabei hat der Psychologe festgestellt, dass allein schon die geforderte Aufmerksamkeit, auf das “wann” der Handlungsabsicht zu achten, das Messergebnis stark beeinflusst. Je besser sich nämlich eine Versuchsperson auf die Aufgabe konzentrierte (gemessen an der Aktivität eines an Bewegungsabsicht gekoppelten Hirnareals), desto grösser war die zeitliche Kluft zwischen subjektivem Wollen und der Ausführung. Der für seine Arbeit mittlerweile mit dem William James Preis für Beiträge zur Bewusstseinsforschung geadelte Lau folgert, dass die Zeitmessungen bei Libet “problematisch” seien, weil der Vorgang des Messens selbst den Gegenstand der Messung beeinflusse. Gut denkbar also, dass es sich mit den ominösen Bereitschaftspotentialen im Normalfall des Alltags – wenn wir quasi “unaufmerksam wollen” – ganz anders verhält als unter Libets Laborbedingungen.

Durch die neue experimentelle Datenlage aus London dürften sich auch die Philosophen und Juristen bestätigt fühlen, die schon von Amtes wegen in die Diskussion eintreten mussten. Diese verwehren sich nämlich in erstaunlicher Einmütigkeit gegen die Vorstellung der Neurowissenschaftler, wir würden durch nicht-bewusste neuronale Steuerungsaktivitäten bestimmt und uns in einem Akt des permanenten Selbstbetrug bloss vorgaukeln, willensautonome Urheber des eigenen Handelns zu sein. Vom ungerechtfertigten Anspruch der Hirnforschung, sich zur Leitdisziplin der Humanwissenschaften aufzuspielen und mit ihren Erklärungsansprüchen nicht nur auf das Gebiet der Philosophie, sondern auch der Rechtswissenschaften und der Pädagogik auszugreifen, war in den Feuilletons der grossen Zeitungen zu lesen. Dass der biologische Reduktionismus nicht weniger dogmatisch verfahre als der Idealismus, der in allen Naturprozessen den Geist am Werke sieht, kritisierte der Philosoph Jürgen Habermas. Von Kategorienfehlern (einer Art Todsünde in der Philosophie), “erkenntnistheoretisch naivem Empirismus” und der Arroganz der Hirnforscher, sich nicht ernsthaft auf Philosophie und Geisteswissenschaften einzulassen, spricht der Freiburger Literaturwissenschaftler Gerhard Kaiser. Auch Michael Hagner, ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, geht auf Distanz zu den Schlussfolgerungen von Roth und Kollegen. Es sei “überhaupt nicht ausgemacht, ob Schuld und Verantwortung überhaupt etwas mit der Willensfreiheit zu tun haben” gibt Hagner zu bedenken und bringt ein pointiertes Beispiel: “Den Nervenzellen ist es völlig egal, ob der Irak-Krieg als berechtigt oder als unberechtigt angesehen wird. Uns Menschen als politische Wesen, den meisten jedenfalls, ist das nicht gleichgültig, und auf diesen Unterschied kommt es an.”

Neurobiologe Roth seinerseits will die Beweisführung der Hirnforschung nicht bloss auf die viel zitierten Libet-Experimente verkürzt sehen, dessen Schwächen er durchaus anerkennt. Vielmehr weist er darauf hin, dass die Gesamtschau der Erkenntnisse aus Neurobiologie und Handlungspsychologie zur Aufgabe des “Mythos Willensfreiheit” führen müsse. Die modernisiert mit neurowissenschaftlichen Argumenten fortgeführte Debatte der berühmten These Schopenhauers, dass der Mensch zwar “tun kann, was er will, aber nicht wollen, was er will”, wird also munter weitergehen – ob wir wollen, oder nicht.

© neuro culture lab

Publiziert in der NZZ am Sonntag 28:59 (15.7.2007)

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