Neuronendämmerung

Die Neurowissenschaften versprechen revolutionäre Erkenntnisse und die Heilung von vielen Leiden. Beweise aber bleiben sie seit 50 Jahren schuldig

Zack Lynch sieht aus wie Al Gore, kommt aus Kalifornien und kennt keine Zweifel, wenn es um die künftigen Segnungen der Hirnforschung geht: „Das Leben in der entstehenden Neuro-Gesellschaft wird von unserem gegenwärtigen Dasein so weit entfernt sein, wie es die Renaissance von der Steinzeit war“. Die kühne Prognose des amerikanischen Wissenschaftslobbyisten findet sich in seinem Buch „Die Neurorevolution“. Das war 2009. „Wir stehen mit der Hirnforschung gerade an der Schwelle. Wohin wir gehen? Ich weiss es nicht. Aber es wird so schnell und so weit gehen, dass unsere wildesten Fantasien dagegen erzkonservativ sind“, dachte auch schon der Psychiater Robert H. Felix. Nachzulesen in einem Interview mit dem „Life Magazine“. Das war 1963. Doch noch immer ist weit und breit keine Spur von Neurorevolution zu sehen. Ganz im Gegenteil, die Stimmung könnte bald kippen. Denn nach nunmehr fünfzig Jahren Warten auf den doch kurz bevor stehenden Durchbruch mischen sich immer mehr kritische Stimmen in den harmonischen unisono Gesang des Neuro-Optimismus.

Die Neurokritik formiert sich

Allein in Berlin wurden innerhalb kurzer Zeit ein halbes Dutzend neuro-kritische Tagungen abgehalten. Wissenschaftler verschiedenster Fachrichtungen organisieren sich im Netzwerk der „Critical Neuroscience“. Hirnforschungsskeptische Internetblogs erfreuen sich grösster Beliebtheit und auch in den Medien scheint der Wind gerade zu drehen. Ein aktueller Beleg dafür sind die durchwegs negativen Pressereaktionen auf Hirnforscher Manfred Spitzers polterndes Bestsellerbuch „Digitale Demenz“. Mit missionarischem Eifer erklärt uns darin der Ulmer Psychiater wie brandgefährlich Computer, Internet und Smartphones für unser Gehirn seien. Und dass Computerspiele aus Kindern zwangsläufig einsame, verhaltensgestörte und gewalttätige Zombies machten. Sicher, die krude Machart des Buches lädt förmlich zur Demontage ein. Bemerkenswert ist dennoch, dass der autoritäre Habitus des Hirnforschers nun plötzlich nicht mehr verfängt. Noch bis vor kurzem liess sich per Verweis auf die „neuesten Erkenntnisse aus der Hirnforschung“ fast jede noch so spekulative These vertreten. Angefangen bei der „Illusion Willensfreiheit“ bis hin zur Prognose, bald schon könne man der spezifischen funktionellen Beschaffenheit eines Gehirns ansehen, ob sein Träger ein potenzieller Gewaltverbrecher sei. Und dies, obwohl es für keine Aussage dieses Kalibers auch nur halbwegs belastbare empirische Daten gibt.

Auch für Spitzers alarmistische „Digitale Demenz“-These sind so gut wie keine harten experimentellen Daten verfügbar. Auf jeden Fall nicht aus der Hirnforschung. Wenn schon, sind es psychologische und soziologische Untersuchungen, die einem zu denken geben sollten. Neuerdings sticht die Trumpfkarte „Neuro“ bei den Medien offenbar nicht mehr. Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung kritisiert, Spitzers Buch sei „nur das neueste Beispiel für den Aufstieg der Hirnforschung zur zuständigen Instanz für die Beantwortung gesellschaftlicher Fragen“ und diagnostiziert, dass offenbar schon die Pose des Hirnforschers ausreiche, um Gemeinplätzen das Gewicht wissenschaftlicher Erkenntnisse zu verleihen. Auch das Magazin der Süddeutschen Zeitung echauffiert sich über Spitzers Krawallbuch und konstatiert: „Wir leben offensichtlich im Zeitalter einer Theologie des Gehirns“.

Alles schon da gewesen

Grandiose Zukunftsversprechungen gab es auch schon früher. Zu Beginn des „Human Genome Projects“ in den 1990er Jahren hiess es, „im Buch des Lebens zu lesen“ würde die Türen zu revolutionären Behandlungsmethoden weit aufstossen. Krebserkrankungen, zystische Fibrose, Herz-Kreislauf-Erkrankungen: Viele Geisseln der Menschheit sollten heilbar werden, wenn die genetischen Grundlagen der Krankheiten erst einmal verstanden sind. Die Versprechungen gingen sogar noch weiter. So stellte der Biologe Daniel Koshland Ende der 1980er Jahre in Aussicht, das Humangenomprojekt könnte sogar dazu beitragen, soziale Probleme wie Drogensucht, Obdachlosigkeit und Gewaltverbrechen zu lösen. Genau wie heute in den Neurowissenschaften wurden in der Hochphase des Genetik-Hypes weit reichende Folgen für die ganze Gesellschaft in Aussicht gestellt. Die Totalsequenzierung des menschlichen Erbguts liegt nun schon eine Dekade zurück. Ohne Zweifel eine gewaltige wissenschaftliche Leistung. Trotzdem ist im heutigen Zeitalter der Postgenomik Ernüchterung eingetreten. Nicht zuletzt deshalb, weil es kein einziges gentherapeutisches Verfahren in die klinische Praxis geschafft hat.

Wo bleibt die Neuro-Revolution?

Bezüglich Geltungsbereich und erkenntnistheoretischer Autorität stehen die heutigen Neurowissenschaften der Genetik in nichts nach. Aber auch die Neurowissenschaften könnten letzten Endes ähnlich grandios scheitern wie die Gentherapieforschung. Trotz Jahrzehnten intensiver Forschung und Multimilliarden-Investitionen hat die biologische Psychiatrie bis heute nämlich kaum klinisch relevante Erkenntnisse zu den stets behaupteten – aber nie bewiesenen – abweichenden Gehirnvorgängen gewonnen, die psychischen Störungen zugrunde liegen sollen. Geschweige denn, auf der Basis solcher Erkenntnisse bessere Behandlungsmethoden entwickelt. Aus der neurowissenschaftlichen Forschung sind bislang auch keine praxisrelevanten Handlungsanweisungen entstanden, wie der Mensch besser lernen, arbeiten, entspannen oder lieben könnte. Und auch die individuelle Voraussage von menschlichem Verhalten aufgrund neurofunktioneller Befunde klappt heute nicht zuverlässiger als bei den Phrenologen vor 200 Jahren.

Mit brachialer Rechengewalt zu einer Theorie des Gehirns

Stattdessen ist der trotzige Wille auszumachen, den ausbleibenden Durchbruch mit immer leistungsfähigeren Computern, immer komplexeren maschinenbasierten Lernalgorithmen und immer höher auflösenden Hirn-Scannern doch noch zu erzwingen. Das schon 200 Jahre alte „Enträtsele-das-Gehirn“-Spiel geht gerade wieder einmal auf ein höheres Level. Prominentes Beispiel dafür ist das monumentale „Human Brain Project“, für das Projektleiter Henry Markram gerade EU-Fördergelder von einer Milliarde Euro einzuwerben versucht. Der Neurowissenschaftler von der ETH Lausanne steht einem internationalen Wissenschaftlerkonsortium vor, das sich das ambitionierte Ziel gesetzt hat, in zehn Jahren das menschliche Gehirn als Simulation im Computer zu modellieren. Mit dem Nachbau des Gehirns „in silico“ sollen die Ursachen von Alzheimer und Parkinson verstanden werden und ein „biologisch realistisches“ Modell für Schizophrenie und Depression inklusive einer Testplattform für neue Medikamente entstehen. Letzten Endes will man nicht weniger als das Gehirn selbst verstehen. Erneut fühlt man sich an das „Human Genome Project“ erinnert. Nicht nur wegen der Namensähnlichkeit, sondern auch wegen der Grandiosität der gemachten Versprechungen. Das Rezept scheint offensichtlich: Mit viel Geld und der brachialen Rechengewalt von Supercomputern wird sich das Rätsel Gehirn wohl doch noch lösen lassen.

Einstweilen kämpfen die im Fokus der Kritik stehenden “sozialen, kognitiven und affektiven Neurowissenschaften“ gegen ein sich abzeichnendes Imageproblem. Wird der Überverkauf der eigenen Erkenntnisse nämlich allzu offensichtlich, drohen Rückschläge. Dem entgegenzutreten sollte auch im Interesse der Hirnforscher selbst liegen. Längerfristig steht nämlich nicht weniger als die eigene Glaubwürdigkeit auf dem Spiel: „Wenn unsere Fortschritte wiederholt übertrieben dargestellt oder überverkauft werden und das öffentliche Misstrauen in die Neurowissenschaften zunimmt, müssen wir uns selbst die Schuld geben“, appelliert beispielsweise der amerikanische Neurologe Guy McKhann in einer Fachmitteilung an die Hirnforscherkollegen.

Keine Kunsttheorie ohne Hirnbiologie

Um nicht das Kind mit dem Bade auszuschütten: Die sich gerade breit formierende Kritik betrifft nur einen verhältnismässig kleinen, allerdings glamourösen und deshalb besonders gut sichtbaren Bereich der Hirnforschung. Selbstverständlich kann kein vernünftiger Mensch etwas gegen neuroanatomische Grundlagenforschung oder die Untersuchung von neurologischen Erkrankungen haben. Problematisch wird es immer erst dann, wenn das Gehirn als Sonderorgan behandelt wird – beispielsweise als alleinig zuständiger Produktionsort für ökonomische Entscheidungen, kunstästhetische Auseinandersetzung, kriminelles Verhalten oder romantische Liebe. Die Neurowissenschaften vergessen dann nämlich gerne, dass es überhaupt keinen Sinn macht, das Gehirn als isoliertes Objekt in einem sozialen Vakuum zu behandeln. Wie verbreitet diese Denkweise ist, illustriert ein Zitat des britischen Biologen und „Neuro-Ästhetik“-Pioniers Semir Zeki: „Mein Ansatz ist von einer Wahrheit bestimmt, von der ich denke, dass sie unumstösslich ist: dass jede menschliche Handlung von der Organisation und den Gesetzen des Gehirns bestimmt ist und dass es deshalb keine wahre Kunst- und Ästhetik-Theorie geben kann, ausser wenn sie auf Neurobiologie beruht.“ Selbst die Kunst, das Kulturprodukt par excellence, muss offenbar modernerweise neurowissenschaftlich erklärt werden.

Suche am falschen Ort

Doch Synapsen und Neuronen kennen weder Kunst, noch Moral oder Freiheit. Solche Konzepte sind viel mehr kulturelle Errungenschaften als biologische Gegebenheiten. Das Gehirn ist schlicht der falsche Ort, um danach zu suchen. Entsprechend dünn und unspezifisch sind denn auch die meisten Ergebnisse der entsprechenden Bildgebungsstudien. Sobald man Bewusstseinsleistungen vermessen will, die über grundlegende Prozesse wie Wahrnehmung oder Bewegungssteuerung hinausgehen, wird es schnell unübersichtlich. Weil das Gehirn eben nicht über getrennte Module für Liebe, Hass und Glauben verfügt, kann man bei Studien, die solches untersuchen, am Ende immer nur sagen, dass mehr oder weniger das ganze Gehirn involviert ist. Und das ist nun wirklich eine erkenntnistheoretische Trivialität, die in krassem Gegensatz zu den welterklärenden Auftritten steht, die mit den imposanten bunten Hirnbildern gerne gefeiert werden.

Vieles spricht dafür, dass die Neurowissenschaften, ähnlich wie zuvor schon die Genetik, gerade Opfer eines klassischen Hype-Zyklus werden. Nach dem Überschreiten des „Gipfels der überzogenen Erwartungen“ so um das Jahr 2006 sind die viel zitierten „Neuen Wissenschaften des Gehirns“ nun auf dem Abstieg ins „Tal der Enttäuschungen“. Gerade deshalb besteht aber Hoffnung für die Zukunft. Wenn die Hype-Theorie Recht behält, wäre nach dem schmerzlichen Durchschreiten dieses „Tals der Enttäuschungen“ nämlich ein vernünftig redimensioniertes Einschwenken auf den „Pfad der Erkenntnis“ zu erwarten. Und daraus könnte dann eine Phase echter Produktivität entstehen. Bis es soweit ist, sollte man mit neuro-revolutionären Versprechungen besser zurückhaltend sein.

© neuro culture lab

Publiziert in der NZZ am Sonntag (7.10.2012)

Neuromythologie-BuchcoverDas Buch „Neuromythologie – Eine Streitschrift gegen die Deutungsmacht der Hirnforschung“ von Felix Hasler ist im transcript-Verlag Bielefeld erschienen.

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One Response to “Neuronendämmerung”

  1. Kevin says:

    Sehr guter Beitrag, danke!

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