Ein Schamane auf den Lofoten

Sirenen im Meer und ein Saurier im Wald

Der Plan war, herauszufinden, ob halluzinogene Drogen am Polarkreis anders wirken als im Dschungel. Doch die Freunde der Bewusstseinserweiterung hatten nicht mit Kälte und Zöllnern gerechnet.

Der kolumbianische Schamane Isaias am Polarmeer.

Der kolumbianische Schamane Isaias am Polarmeer.

Der weisse Sandstrand täuscht. In seinem ganzen Leben hat Isaias Mavisoy noch nicht so gefroren. Der Schamane aus dem kolumbianischen Amazonas steht unter der Mitternachtssonne Norwegens und fahndet schlotternd nach Ahnen, Geistern oder sonst irgendwie Vertrautem. Eiskalt pfeift der Wind durch die Landschaft. Die Stimmung ist feierlich, am Lagerfeuer werden Zigarren geraucht, es faucht und rasselt, der Mann mit der Jaguarzahn-Halskette verfällt in einen hypnotischen Singsang. Wir fallen mit. Erst langsam. Dann tiefer und tiefer. Am Strand von Utakleiv auf den Lofoten ist ein Schamanenritual in Gang. Schlechte Energien sollen mit Tabakrauch vertrieben werden. Isaias leistet gute Arbeit. Trotz Kälte sind wir entspannt und glücklich.

Berufsausweis eines SchamanenDer kleine Mann mit der priesterlichen Würde wirkt verloren in der imposanten nordischen Landschaft. Als Medizinmann aus dem Amazonas hat man aber auch selten nördlich des Polarkreises zu tun. Ausser man wird, so wie Isaias, zum „Lofoten International Art Festival“ eingeladen. Diese Ehre widerfährt nicht jedem. Dass Isaias etwas Besonderes ist, zeigt der Blick in seinen Berufsausweis. Dort ist zu lesen, dass er Mitglied der „Vereinigung der Ayahuasca-Mediziner des Kolumbianischen Amazonas“ ist. Im Logo des Ausweises sind ein paar unscheinbare Blätter abgebildet. Diese allerdings haben es in sich. Die Blätter des Strauches mit dem botanischen Namen Psychotria viridis enthalten nämlich Dimethyltryptamin, kurz DMT, eines der stärksten Halluzinogene überhaupt. Für Isaias Zaubertrank, das Ayahuasca-Gebräu, braucht es dann noch eine weitere Zutat, die Dschungelliane Banisteriopsis caapi. Über eine spezielle Enzymhemmung sorgt diese dafür, dass das DMT seine pharmakologische Wirkung entfalten kann.

Auf Quechua, der Sprache von Isaias Vorfahren, heisst Ayahuasca „Liane der Geister“. Für westliche Bewusstseinserweiterungs-Enthusiasten ist Ayahuasca wahlweise ein heiliges Sakrament, das ultimative kosmische Gewürz oder gar die Rakete in eine völlig andere Dimension, den legendären „DMT-Raum“. Schamane Isaias nennt seinen Trunk schlicht „la medicina“. Wer „la medicina“ genommen hat, zeigt sich in aller Regel tief beeindruckt. Von spektakulären mystischen Visionen, gar unglaublichen Heilungen wird berichtet, von Einsicht in das Wesen des Kosmos und nachhaltiger Veränderung des eigenen Lebens. Ab und zu einmal geht ein Experimentalreisender auf dem Ayahuasca-Trip allerdings auch durch die Hölle. Um dieses Risiko so klein wie möglich zu halten, braucht es einen erfahrenen Reiseleiter wie Isaias, der die Dämonen beim Namen kennt, die überforderte DMT-Touristen quälen können.

Nicht nur Schamane Isaias wurde auf die Lofoten eingeflogen. Weil ich früher einmal ein ganz seriöser Halluzinogenforscher war, durfte auch ich mit in den Norden. Als wissenschaftliches Bodenpersonal, gewissermassen. Im Gepäck habe ich vorsichtshalber ein paar Tabletten Valium. Für den Notfall zur Anpassung der Flughöhe der fünf anderen Ritualteilnehmer. Eingeladen wurden wir von François Bucher, einem in Berlin lebenden Künstler mit französischen und kolumbianischen Wurzeln. François hatte für sein bestenfalls halb offizielles Kunstprojekt im Vorfeld des Lofoten-Festivals eine gute Frage. Und einen weniger guten Plan.

François’ Frage war gleichermassen einfach wie spannend. Erlebt ein Schamane, der noch nie ausserhalb des Amazonas war, in einer völlig anderen Umgebung auf Ayahuasca die gleichen oder andere Visionen wie zu Hause? Jaguar oder Rentier? Kolumbianische Ahnen oder nordische Wikinger? Und wie unterscheiden sich die Visionen von denen seiner mitreisenden Schützlinge aus Berlin, die ebenfalls von seinem Zaubertrank kosten wollen?
Dass die gute Frage des Künstlers vorerst unbeantwortet bleibt, liegt an seinem weniger guten Plan. Isaias, unser Meister aus dem Amazonas, sollte nämlich vorab seinen selbst gebrauten Zaubertrank als Konzentrat per Postkurier nach Oslo schicken. Kein Problem, dachte man, denn für einen zertifizierten Naturheilarzt aus dem Amazonas ist Besitz und Verwendung seiner „medicina“ schliesslich legal. Um die norwegische Zollverwaltung nicht unnötig zu beunruhigen, wurde das eingedickte Ayahuasca als pflanzliche Arthritis-Salbe getarnt. Trotz dieser Fürsorge hat es das Paket leider nicht durch den Zoll geschafft. Eigentlich war das ja zu erwarten. Der Absender “Bogota – Colombia” ist einfach denkbar ungeeignet für das diskrete Verschicken delikater Post. Da will auch noch der naivste Zollbeamte der Welt wissen, was drin ist.

Zigarrenqualm statt Zaubertrank

Zigarrenqualm statt Zaubertrank

In Ermangelung an Zaubertrank hüllt sich unsere fröstelnde Arktik-Truppe nun also in Zigarrenqualm statt in psychedelische Visionen. Aber auch die Stumpen des Meisters sind noch stark genug. Gard, unserem norwegischen Reiseorganisator, wird schlecht. Bleich und mit kaltem Schweiss auf der Stirn liegt er da. Sein Puls rast. Gard sagt kein Wort mehr. Später in der Nacht frage ich Isaias, was denn nun sei mit den Ahnen und Krafttieren, hier oben im Norden. Ja, hier sei schon viel los, bemerkt der Schamane. Sirenen im Meer und ein Saurier im Wald. Und ein weiser Geist aus der Gegend hätte sich ihm vorhin genähert. Ein Schamanen-Ahne aus der Gegend. Ganz viel Energie! Die Kontaktaufnahme hätte aber nicht geklappt. Denn dazu brauche er, schon klar, „la medicina“.

Anderentags, ordentlich durchgefroren, geht unsere Gruppenreise durch den Norden weiter. Im Ford Transit wird es akademisch. Man diskutiert über Interdimensionalität, experimentellen Mystizismus und fragt sich, was Bewusstsein mit Quantenverschränkung zu tun haben könnte. Isaias hat ganz andere Sorgen. Während wir hübsche Gedankenseifenblasen produzieren, sucht Isaias nach einem naturbelassenen Bach, aus dem er Wasser trinken kann. Nur so ist für ihn nämlich herauszufinden, ob er mit seinen Ahnen doch noch Kontakt aufnehmen kann.

Die Lofoten, ein Kulturschock für den Mann aus dem Amazonas

Die Lofoten, ein Kulturschock für den Mann aus dem Amazonas

Mir wird plötzlich bewusst, was für einen Kulturschock wir dem Mann aus dem Amazonas zumuten. Jetlag, Kälte, Schlaflosigkeit, überall nur fremde Sprachen. Und selbst die Begegnung mit einem Schamanen-Kollegen aus dem Norden erweist sich als schwierig. Der Saami Ánde Somby stammt aus der Finnmark, beherrscht die Kunst des Joik-Gesangs und bezeichnet sich selbst als Schamanen. Zu Isaias Begrüssung hat ihm Ánde eine selbst gemachte Trommel aus Rentierfell geschenkt. Ánde kommt aus einer Welt der Elite. Der promovierte Rechtswissenschaftler ist Professor an der Universität von Tromsø und früherer Vorsitzender des Zentrums für Saami Studien. Schamane Ánde joikt für Bob Geldof und am Begräbnis von Punkband-Manager Malcom McLaren. Schamane Isaias kommt aus einer Welt von Armut und Gewalt. Er lebt in Mocoa, der Provinzhauptstadt des Departements Putumayo. Eine der gefährlichsten Gegenden Kolumbiens. Vor zwölf Jahren wurde Isaias Frau von Paramilitärs erschossen. Und vor gerade mal drei Wochen einer seiner Söhne. Ebenfalls von den rechtsgerichteten Paramilitärs der AUC. Beim Fussball spielen. Einfach so, ohne erkennbaren Grund. Nach der Begegnung mit Ánde hat Isaias Zweifel an den spirituellen Fähigkeiten seines Kollegen aus dem Polarkreis. Keinerlei Energie hätte er bei ihm gespürt. Sein Urteil ist kurz und bündig: „Das ist kein Schamane!“

Nach einer Woche mit uns und der schrillen Kunstwelt hat Isaias genug. Er will einfach nur nach Hause. Zurück in den Amazonas, wo sich am Äquator die Sonne abends einfach ausknipst. Und einem nicht wie hier als Mitternachtssonne den Schlaf raubt. Endlich wieder Ayahuasca brauen und seine vertrauten Geister und Ahnen um sich haben. Gerne wüssten wir, was Isaias seinen Schamanen-Kollegen daheim berichtet. Von seinem Trip in diese andere, fremde Welt.

© neuro culture lab

Publiziert in der NZZ am Sonntag (21.8.2011)

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