Edelrausch im Labor

Halluzinogene Drogen wirken an der Schnittstelle von Gehirn und Geist. Mit neurowissenschaftlichen Methoden untersucht die zeitgenössische Halluzinogenforschung biologische Grundlagen veränderter Bewusstseinszustände. Von Molekularbiologie bis Metaphysik ist mit Erkenntnisgewinn zu rechnen.

Der Proband, der gerade aus dem Tomographen gefahren wird, liegt ruhig da, schaut erstaunt in die Welt und sagt kein Wort. Durch seine geweiteten Pupillen dringt eine Welt von bizarrer Schönheit. Fremdartig, erschreckend und faszinierend zugleich. Auch er selbst, sogar sein innerster Kern, ist Teil dieser alternativen Realität. Oder vielmehr war. Denn die halluzinogene Wirkung des dissoziativen Anästhetikums Ketamin, das dem Medizinstudenten am Universitätsspital Zürich zu Forschungszwecken injiziert wurde, lässt bereits nach. Wie im Studienprotokoll vorgesehen, wird der Proband ein paar Tage später einen rückblickenden Bericht abgeben. Weil der psychonautisch ambitionierte Student auch noch sprachgewandt ist, fällt sein Reisbericht geradezu literarisch aus:

Chromhelikopter im Aquamarinhimmel

“Was für ein Edelrausch! Im Vergleich dazu ist Alkohol eine durchgerostete Konservenbüchse, das Ketamin ein chromblitzendes Torpedo mit verheissungsvoller Tankfüllung. Ich hatte bald die Struktur einer Kugel, aus deren Mitte ich wie ein Korken nach oben stieg. Ich wurde in einen eisigen Sarkophag gewirbelt, in dem ich auf hohen Wellenkronen tanzte. Meine Ausdehnung nahm ungeahnte Ausmasse an. Ich wurde flacher, schräger, ich winkelte, zerbog, floss und erstarre in wahnwitzigem Tempo. Die Umgebung schien aus sich selbst heraus Licht zu erzeugen wie Pilze auf faulendem Holz. Ich glitt durch perspektivisch unmögliche Räume. Ein kleines Kind mit Sonnenhut watschelte überbelichtet im Schnellvorlauf einen Sandstrand entlang, bis ich wieder abhob und in einem Chromhelikopter Schnee beladene Ebenen überquerte, verfolgt vom Stakkato greller Suchscheinwerfer. Ich wurde wieder weggerissen über goldene Dächer und Türme. Empor strebte ich in den hohen Aquamarinhimmel und um meine Bahn wuchsen Metropolen-Myriaden. New Yorks, Tokios, Kalkuttas.”

Proband Corsin in der frühen Phase eines Psilocybin-Experiments an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Proband Corsin in der frühen Phase eines Psilocybin-Experiments an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich

Zweifellos eine beeindruckende Erfahrung für einen Medizinstudenten im vierten Semester. Aber keineswegs eine einzigartige. Seit langer Zeit verwenden Millionen von Menschen auf der ganzen Welt LSD, psychedelische Pilze, Meskalin und eine Vielzahl andere Halluzinogene zur Erzeugung veränderter Bewusstseinszustände. Einzigartig aber sind die Begleitumstände des Drogentrips unseres Medizinstudenten. Er tat es nämlich – und darauf legt er Wert – nur für die Forschung. Weil sich der Student bereit erklärt hat, sich auf der Ketaminreise im Positronen-Emissionstomographen eine kleine Dosis der radioaktiven Markierungssubstanz 18Fluor-Deoxyglukose spritzen zu lassen, haben die Zürcher Hirnforscher aus dem Team des Psychiaters Franz Xaver Vollenweider nun nicht nur ein poetisches Protokoll subjektiver Erfahrung, sondern auch eine Abbildung des neuronalen Hirnzustandes, der den Probanden dieses phantastische Universum halluzinieren liess. Und genau darum geht es den Forschern in Zürich. Ausgestattet mit einer Ausnahmebewilligung des Bundesamtes für Gesundheit und unter strenger Aufsicht zweier Ethikkommissionen setzen die Wissenschaftler seit Mitte der 1990er Jahre halluzinogene Drogen bei gesunden Probanden ein, um die hirnfunktionelle Basis veränderter Bewusstseinszustände zu erforschen. Um den Verdacht einer unvoreingenommenen Berichterstattung gleich zu entkräften, sei es vorweg genommen: Der Autor dieses Artikels ist einer dieser Forscher.

Halluzinogenforschung im Neuro-Zeitalter

Der epistemische Ansatz der modernen Halluzinogenforschung – in seiner knallhart neurowissenschaftlichen Ausprägung ganz ein Kind der in den 90er Jahren ausgerufenen „Dekade des Gehirns“ – ist eigentlich ein einfacher. Was interessiert, ist die Frage nach der zerebralen Biologie alternativer Wachbewusstseinszustände. Im Sinne eines grundlegenden Verständnisses von „unten nach oben“ gilt es daher erst einmal zu verstehen, in welcher Art und Weise Halluzinogene überhaupt mit ihrem Zielorgan, dem Gehirn, interagieren. Welche Rezeptoren sind am Geschehen beteiligt und was sind die funktionellen Konsequenzen der Wechselwirkung an der Schnittstelle von Chemie und Biologie? Dazu kurz und knapp: Alle klassischen Halluzinogene wie LSD, Meskalin oder auch Psilocybin – der Inhaltsstoff der psychedelischen Zauberpilze – binden in erster Linie an Serotoninrezeptoren. Die bewusstseinsverändernde Wirkung dieser Substanzen wird im Wesentlichen durch die Aktivierung des Serotonin-2A-Rezeptors ausgelöst. Dass dem so ist, wissen wir aus pharmakologischen Blockierungsexperimenten. Wird nämlich Versuchspersonen eine Stunde vor den Psilocybinkapseln der Serotonin-2A-Rezeptorblocker Ketanserin verabreicht, so bleibt das Psilocybin – zur Enttäuschung der Probanden – fast vollständig wirkungslos.

Tor zum Bewusstsein

Auf der nächst höheren Betrachtungsebene interessiert sich die zeitgenössische Halluzinogenforschung für ganze Neuronenverbände und Zellcluster, die durch Psychedelika aktiviert beziehungsweise inhibiert werden. Welche neuronalen Regelkreise sind betroffen und was sind die funktionellen Konsequenzen daraus, lautet hier die Kernfrage. Von zentraler Bedeutung scheinen auf dieser Ebene die so genannten Cortico-striato-thalamo-corticalen Schleifen („CSTC-loops“) zu sein, die auch durch das Serotoninsystem reguliert werden. Diese Regelkreise verbinden verschiedene Hirnbereiche wie das Stirnhirn, das Striatum und den Thalamus miteinander und dienen dem Sammeln, Verarbeiten und Weiterleiten interner und externer Information. Die Störung des Botenstoffhaushalts durch Halluzinogene lässt diese Regelkreise überfordert zusammenbrechen, was über eine biochemische Kaskade zur Überflutung des Stirnhirns mit einem weiteren Botenstoff, dem exzitatorisch wirksamen Glutamat führt. Wieder eine Komplexitätsstufe höher richten die Halluzinogenforscher ihre Lupe auf ganze Hirngebiete. Hier steht beispielsweise der Thalamus, das „Tor zum Bewusstsein“ im Rampenlicht. Dieses Hirnorgan ist für die Filterung und Kanalisierung von Information zuständig. Die Störung thalamischer Reizfilterung durch Halluzinogene, so nimmt man an, führt zu einer ungehemmten Überflutung höherer kortikaler Hirnareale mit inneren und äusseren Wahrnehmungsreizen aus allen Sinnesbereichen. Die Halluzinogene bewirken eine Art Informationsverarbeitungs-Störung und führen so zu fundamentalen Veränderungen in allen Aspekten menschlicher Erlebnismöglichkeit: Sehen, Fühlen, Denken, Raum, Zeit, Ich und Umwelt – alles gerät durcheinander.

Proband Corsin auf Psilocybin

Proband Corsin auf Psilocybin

Womit wir – nunmehr an der Schnittstelle von Biologie und Psychologie – wieder eine Sprosse höher auf der Leiter der Erkenntnis angelangt wären. Hier wird es erstens sehr interessant und zweitens sehr komplex. Was genau sind die erlebten Inhalte, die subjektiv erfahrbaren Konsequenzen der durch Halluzinogene veränderten Hirnchemie? In welchem neurofunktionellen Zustand des Gehirns schildern Versuchspersonen eine Psilocybinerfahrung als qualvoll und wie sehen im Gegensatz dazu die Hirnaktivierungsmuster aus, die Probanden ozeanische Entgrenzungszustände vollkommenen Glücks erleben lassen? Was ist der Aktivierungszustand eines Gehirns, das auf dem Drogentrip ganze psychedelische Universen halluziniert, so wie unser Proband auf Ketamin ? Hier wird Halluzinogenforschung zur Bewusstseinsforschung. Und hier sind Halluzinogene als Untersuchungsinstrumente geradezu prädestiniert, wirken sie doch spezifisch wie nichts anderes am „Brain-Mind-Interface“, der Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist.

Himmel, Hölle und Vision …

… nannte der britische Schriftsteller Aldous Huxley die verschiedenen Facetten einer Meskalinreise. Ende der 1980er Jahre kam der Psychologe Adolf Dittrich, der in seinen „Untersuchungen zur ätiologie-unabhängigen Struktur veränderter Wachbewusstseinszustände“ eine Art Systematik des Rauscherlebens erstellt hat, zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Während einer Vielzahl von Experimenten mit Reizentzug im Samadhitank, unter dem Einfluss von Lachgas, Cannabis oder dem Halluzinogen Dimethyltryptamin wurden Fragebögen ausgefüllt. Diese psychometrischen Daten wurden später mit komplexen statistischen Verfahren ausgewertet. Dittrichs Analysen führten zu den gleichen Rauschdimensionen, die schon Huxley beschrieben hatte. Allerdings gab Dittrich den gemeinsamen Kerndimensionen alternativer Bewusstseinszustände neue klangvolle Namen: „Ozeanische Selbstentgrenzung“, „Angstvolle Ichauflösung“ und „Visionäre Umstrukturierung“. Die psychologische Dimension „Ozeanische Selbstentgrenzung“ beschreibt die beglückenden Aspekte des Erlebens ausserhalb des normalen Alltagsbewusstseins. Dazu gehören Erfahrungen des Einsseins mit der Welt, der Befreiung von den Beschränkungen von Raum und Zeit, das Gefühl allumfassender Liebe oder die intuitive Ahnung einer höheren Wirklichkeit. Dieses Syndrom positiver, maniformer Derealisation mit gelösten Ich-Umweltgrenzen umschreibt die transzendentalen Anteile beispielsweise einer LSD-Erfahrung. Der genaue Antipode dieses erhabenen Glückszustandes ist die „Angstvolle Ich-Auflösung“. Diese Rauschdimension umschreibt die apokalyptische Verlaufsform einer Drogenreise. Ich-Instanzen kollabieren, Angst und Panik macht sich breit, die Welt fragmentiert und stürzt ein, das quälende Gefühle wir erlebt, gleich den Verstand zu verlieren, in ewiger Einsamkeit zu verzweifeln oder gar sterben zu müssen. Der klassische Horrotrip ist ein Erlebniszustand, der vor allem durch diese Erfahrungsdimension Angst charakterisiert ist. Glücklich, wer jetzt ein Valium zur Hand hat. Die dritte Dimension, die „Visionäre Umstrukturierung“ ist die vielschichtigste. In diesem perzeptuellen Syndrom werden Illusionen, Halluzinationen oder auch das Auftreten von Synästhesien (zum Beispiel das „Sehen“ von Tönen) zusammengefasst. Zu dieser Kategorie gehören alle Wahrnehmungsveränderungen, die innerhalb eines veränderten Bewusstseinszustands auftreten. Dazu gesellt sich typischerweise noch das veränderte Bedeutungserleben: Bekannte Dinge oder routinierte Vorgänge des Alltags können auf der psychedelischen Reise eine völlig neue Bedeutung erlangen. Selbst die Kaffeetasse auf dem Tisch kann unter dem Einfluss von LSD als belebt, beseelt und von einer tiefen Bedeutung erfüllt erlebt werden. Die neuere Forschung hat auch gezeigt, dass in jeglichem veränderten Wachbewusstseinszustand immer Anteile aller drei Kerndimensionen auftreten. Allein deren Gewichtung entscheidet zwischen glücklicher Ekstase und Höllentrip.

Wenn es darum geht, den Gesamtzustand eines Gehirns unter bestimmten Bedingungen zu erfassen – sei es auf einer Drogenreise oder auch nur beim Lösen einer Matheaufgabe – schlägt die Stunde der bildgebenden Verfahren. Wie keine andere Technologie prägen Magnetresonanz- und die verschiedenen nuklearmedizinischen Tomographie-Methoden die moderne Hirnforschung. Neuroimaging ist eine echte Erfolgsgeschichte der Wissenschaft. An jedem Tag erscheinen gegenwärtig acht neue Forschungsarbeiten, die sich der Technik der funktionellen Magnetresonanztomographie bedienen, wie Nikos Logothetis vom Max-Planck Institut für biologische Kybernetik in Tübingen in der Zeitschrift Nature vorgerechnet hat. Ausgerüstet mit dem nötigen Hightech-Equipment kann man als Hirnforscher Durchblutung, Hirnstoffwechsel, Glukosemetabolismus und viele andere interessante Vorgänge messen. Selbstverständlich werden diese Techniken auch von den Halluzinogenforschern in Zürich ausgiebig genutzt. So konnte vor kurzem in einer Bildgebungs-Studie mit dem selektiven Serotonin-2A Rezeptormarker 18Fluor-Altanserin gezeigt werden, dass die Psilocybin-Besetzung dieses Serotoninrezeptors im anterioren Cingulum sowie bestimmten medio-frontalen und temporalen Arealen mit dem halluzinatorischen Erleben korreliert ist.

Halluziniert der Mensch mit dem Cingulum?

Sind damit die neuronalen Korrelate veränderter Bewusstseinzustände entdeckt ? Halluziniert der Mensch also mit dem anterioren Cingulum ? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Diese Hirnregion ist nämlich auch an einer Vielzahl anderer Prozesse beteiligt, beispielsweise an Problemlösung oder der Verarbeitung widersprüchlicher Informationen. Und – wer hätte das gedacht – das anteriore Cingulum leuchtet sogar auf, wenn man amerikanischen Probanden im Kernspintomographen Bilder von Hillary Clinton zeigt. Dies weiss die amüsiert reagierende Neurowissenschaftler-Gemeinde seit der Veröffentlichung einer Studie zu den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen, die sogar in der New York Times besprochen wurde. Trotz aller unbestreitbaren Vorzüge des Neuroimagings sollte man – auch oder gerade als Forscher – eine kritische Distanz zu den Bildgebungsdaten wahren. Denn auch wenn die bunten Tomographiebilder aufgrund ihrer Erscheinungsform die gefährliche Suggestivkraft einer wahrheitsgetreuen Abbildung entwickeln, darf man nicht vergessen, dass es sich dabei um nichts anderes als computergenerierte und ansehnlich fürs Auge aufbereitete statistisch-parametrische Berechnungen handelt. Und schon geringe Änderungen der Ausgangsparameter können das Ergebnis drastisch beeinflussen.

Experimenteller Mystizismus

Sollte ein Probandengehirn unter dem Einfluss von LSD nicht nur hübsche geometrische Formen und traumartige Szenen halluzinieren, sondern sogar Gott, sind wir in der Metaphysik, der Champions League der Suche nach Erkenntnis angelangt. In diese Welt der letzten Fragen, traditionell ein Hoheitsgebiet der Philosophie und Theologie, ist in den letzten Jahren auch die Hirnforschung eingefallen. Unter dem Etikett Neurotheologie oder auch Biotheologie begehen Neurowissenschaftler einen interessanten Tabubruch. Sie untersuchen Phänomene des Glaubens im Labor oder wollen gar ein angeborenes neuronales „Gottmodul“ mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisen. Dass sich halluzinogene Drogen auch zur gezielten Gottsimulation eignen, wurde bereits in den 1960er Jahren erkannt. Als echte Pioniertat auf dem Gebiet des experimentellen Mystizismus gilt Walter Pahnkes Karfreitagsexperiment. Am Karfreitag des Jahres 1962 verabreichte der junge Arzt und Theologe in der Marsh Chappel in Boston Kapseln an zwanzig Theologiestudenten. Die eine Hälfte der Versuchspersonen erhielt ein wirkungsloses Placebo, die andere Hälfte 30 mg des halluzinogenen Pilzwirkstoffs Psilocybin. Im Keller der Kapelle wohnten die Versuchspersonen der Karfreitagsmesse bei, die über Lautsprecher übertragen wurde. Die Auswertung der Fragebögen, welche die Versuchspersonen nach dem Experiment ausfüllten, ergab dramatische Ergebnisse: Die meisten Teilnehmer hatten unter der Psilocybinwirkung tiefe mystisch-spirituelle Grenzerfahrungen gemacht. An Pahnkes Experiment nahm auch der spätere Religionsphilosoph Huston Smith teil, der ebenfalls Psilocybin bekam. In einem Interview erinnert sich Smith an das Experiment: “Auf dem Höhepunkt des Gottesdienstes sang eine Sopranstimme die Hymne: „My times are in Thy hands, I’ll always trust in Thee; And after death at Thy right hand I shall forever be“. Diese Engelsstimme katapultierte mich augenblicklich in einen Zustand, den Hindus eine Bhakti-Erfahrung nennen: Einen Zustand allumfassender Liebe mit dem Göttlichen, mit einem personalisierten Gott.“ Es gab allerdings auch aversive Reaktionen während des Karfreitagsexperiments. Besonders ein Zwischenfall wurde von Versuchsleiter Pahnke später leider notorisch unterschlagen. Der Proband L.R. hatte nämlich eine akut psychotische Reaktion. Er gewann die Überzeugung, Gott hätte ihn auserwählt, um der Welt den Anbruch des Zeitalters des Friedens zu verkünden. Er floh aus der Kapelle in die Stadt um in den belebten Strassen die frohe Botschaft zu verkündigen. Es brauchte mehrere Personen, um den entflohenen Probanden zurück in die Kapelle zu bringen. Pahnke musste den agitierten Probanden sogar mit einer Injektion des Neuroleptikums Thorazin ruhig stellen.

Proband Corsin - Neurowissenschaftliche Untersuchung im Positronen-Emissions-Tomograph

Proband Corsin - Neurowissenschaftliche Untersuchung im Positronen-Emissions-Tomograph

Erst vor kurzem hat der amerikanische Psychologe und Halluzinogenforscher Roland Griffiths das Pahnke-Experiment in zeitgemässer Form wiederholt. Nicht in einer Kirche und nicht am Karfreitag, sondern in einem wohnzimmerartigen Untersuchungsraum an der Harvard University erhielten die Versuchspersonen dieselbe hohe Dosis Psilocybin. Vierzig Jahre nach Pahnkes Karfreitagsexperiment war das Ergebnis vergleichbar. Etwa zwei Drittel der Probanden erfüllten die psychometrisch erfassten Kriterien für eine „vollständige mystische Erfahrung“. Ebenfalls etwa zwei Drittel der Probanden gaben später an, die Erfahrung würde zu den fünf bedeutungsvollsten Ereignissen ihres Lebens gehören. Interessant sind auch die freien Berichte, welche die Versuchspersonen später verfasst haben. „Die erschreckende Erfahrung des Todes, gefolgt von absolutem Frieden und in Anwesenheit Gottes zu sein“ hat beispielsweise Proband 21 gemacht. „Es war so Ehrfurcht gebietend, mit Gott zu sein, dass Worte die Erfahrung nicht beschreiben können“, so der Proband weiter. Aber auch in Griffiths kontrolliertem Versuchs-Setting wurde es für einen Teil der Probanden geradezu existenziell schwierig. Proband 29 berichtet: „Ich erlebte eine tiefe Trauer. Als ob aller Schmerz und alle Traurigkeit der Welt durch mich hindurch fliessen würde und mein Wesen Zelle für Zelle auseinander reisst.“ Ob mit Halluzinogenen gewissermassen erzwungene spirituellen Erfahrungen identisch sind mit einer spontan auftretenden „Unio mystica“, wie sie Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen erlebt haben, bleibt natürlich offen. Sicher ist, dass sich mit Halluzinogenen Grenzerfahrungen machen lassen. Ob man solche Grenzzustände als mystische Erfahrungen deutet oder als psychotisches Wahnerlebnis, ist dann vor allem eine Frage der Interpretation.

Die voran gegangenen Beispiele subjektiver Erfahrung aus dem Forschungsgebiet „experimenteller Mystizismus“ zeigen aber eine Grundqualität sämtlicher Halluzinogene auf: Man weiss nie, wohin die Reise geht. Ein launischer Gefährte ist dieses „Stäubchen Bewusstsein“, wie der vor kurzem im Alter von 102 Jahren verstorbene Naturstoffchemiker Albert Hofmann seine Entdeckung LSD nannte. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt sein. In Ehrfurcht ergriffen von der Schönheit der Welt sein und im Innersten erschüttert werden von der Angst, jeden Moment den Verstand zu verlieren. Alle dies ist möglich. Mag sein, dass LSD, Pilze und Co. das Bewusstsein unendlich erweitern. Das gilt allerdings auch für die negativen Seiten menschlicher Erfahrung, die wir im Normalfall des Alltags instinktiv zu meiden suchen.

LSD für Psychiater

Sowohl Halluzinogentrips wie auch spontan auftretende religiös-spirituelle Grenzerfahrungen bewegen sich häufig in gefährlicher Nähe zur Psychose. Nicht ohne Grund werden Halluzinogene traditionsgemäss in der Modellpsychose-Forschung angewendet. LSD beispielsweise war ursprünglich von Sandoz unter dem Markennamen Delysid zum Zweck der Selbsterfahrung für Therapeuten auf den Markt gebracht worden. Mit LSD, so die Überlegung, sollte vorübergehend die Erlebniswelt psychotischer Patienten erfahrbar werden. Man erhoffte sich ein vertieftes Verständnis für das Leiden dieser Patienten. Auch Franz Vollenweiders Halluzinogenforscher-Gruppe betreibt experimentelle Psychopathologie-Forschung. Aus einer Vielzahl von Studien ist bekannt, dass am psychopathologischen Geschehen bei einer Schizophrenie mindestens vier Neurotransmitter-Systeme beteiligt sind: Dopamin, Serotonin, GABA und Glutamat. Für jedes dieser Systeme stehen spezifisch wirksame Substanzen zur pharmakologischen Beeinflussung zur Verfügung. So können mit Amphetamin das Dopaminsystem, mit Psilocybin die serotonergen Komponenten und mit Muscimol und Ketamin das GABA-erge beziehungsweise glutamaterge System im Sinne einer Modellpsychose vorübergehend gestört werden. Mit verschiedenen experimentellen Paradigmen zur Informationsverarbeitung (wie der Präpulsinhibition des akustischen Schreckreflexes) oder auch mit bildgebenden Verfahren lässt sich der Frage nachgehen, ob nicht spontan auftretenden Psychosen und per Drogentrip willentlich verursachten veränderten Bewusstseinszuständen ähnliche hirnbiologische Prozesse zugrunde liegen. Tatsächlich gibt es erstaunliche Übereinstimmungen. So führen sowohl Psilocybin wie auch Ketamin bei gesunden Versuchspersonen zu einer Hyperaktivierung des Frontalkortex, ähnlich wie dies bei akut psychotischen Patienten, vor allem im Rahmen einer Ersterkrankung, nachgewiesen wurde. Untersuchungen dieser Art verfolgen die Absicht, die Biologie von Psychosen besser zu verstehen und aus diesem Wissen heraus neue pharmakologische Behandlungskonzepte zur Therapie von Schizophrenien zu entwickeln. Der modellhafte Charakter einer Modellpsychose ist aber zu betonen. Ein Ketaminzustand ist natürlich keineswegs dasselbe wie eine Schizophrenie. Denn es gibt eine ganz Reihe an fundamentalen Unterschieden. So fehlt dem Halluzinogen-induzierten Erleben – in aller Regel – die Wahngewissheit. Auf dem Trip sagt man: „es ist, als ob“, in einer floriden Psychose nur noch: „es ist“. Auch sind die Halluzinationen in einer Psychose vor allem akustischer Natur, während Psychedelika klassischerweise visuelle Illusionen und (Pseudo-)Halluzinationen verursachen: Von einfachen, elementaren Mustern (den „Klüver’schen Formkonstanten“) über komplex zusammengesetzte, bewegte Formen bis hin zum traumartigen Erleben ganzer Szenen.

Biologische Grundlagenforschung, Bewusstseinsforschung, Experimentalmystik oder Modellpsychose – so vielseitig halluzinogene Drogen in den Köpfen der Menschen wirken, so vielseitig ist auch deren Einsatzmöglichkeit in der Wissenschaft. Über viele Jahrzehnte hat die Diskussion um halluzinogene Drogen die Gemüter erhitzt. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass LSD sogar die Vernunft derer benebelt, die es gar nie genommen haben. Jahrelang sprach man politisch ideologisiert von LSD als der „gefährlichste Droge, die es je gab“ oder von Halluzinogenen als „Moral zersetzende Psychogifte, welche die Jugend in Drogenelend und Wahnsinn treiben“. Auf Befürworterseite wurde allerdings nicht weniger irrational argumentiert. Psychedelische Drogen wurden zum „Treibstoff der Weltrevolution“ erklärt und als „chemischer Weg“ zu „spirituellem Durchbruch, Kreativität und ewigem Frieden“ empfohlen. Langsam aber scheinen sich wissenschaftliche Fakten und Vernunft durchzusetzen. An immer mehr universitären Institutionen in den verschiedensten Ländern wird es möglich, wieder mit Halluzinogenen am Menschen zu forschen. Man könnte sogar von einem kleinen Revival der Halluzinogenforschung sprechen.

© neuro culture lab

Publiziert (in Französisch und Spanisch):

Auschnitte aus dem Filmprotokoll

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