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	<title>Neuro Culture Lab</title>
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		<title>Ein Schamane auf den Lofoten</title>
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		<pubDate>Thu, 20 Oct 2011 11:45:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>neno</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Der Plan war, herauszufinden, ob halluzinogene Drogen am Polarkreis anders wirken als im Dschungel. Doch die Freunde der Bewusstseinserweiterung hatten nicht mit Kälte und Zöllnern gerechnet.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Sirenen im Meer und ein Saurier im Wald</strong></p>
<p><em>Der Plan war, herauszufinden, ob halluzinogene Drogen am Polarkreis anders wirken als im Dschungel. Doch die Freunde der Bewusstseinserweiterung hatten nicht mit Kälte und Zöllnern gerechnet.</em></p>
<div id="attachment_330" class="wp-caption aligncenter" style="width: 560px"><img class="size-large wp-image-330 " title="Schamane Isayas friert auf den Lofoten" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2011/10/isayas-950x633.jpg" alt="Der kolumbianische Schamane Isaias am Polarmeer." width="550" height="366" /><p class="wp-caption-text">Der kolumbianische Schamane Isaias am Polarmeer.</p></div>
<p>Der weisse Sandstrand täuscht. In seinem ganzen Leben hat Isaias Mavisoy noch nicht so gefroren. Der Schamane aus dem kolumbianischen Amazonas steht unter der Mitternachtssonne Norwegens und fahndet schlotternd nach Ahnen, Geistern oder sonst irgendwie Vertrautem. Eiskalt pfeift der Wind durch die Landschaft. Die Stimmung ist feierlich, am Lagerfeuer werden Zigarren geraucht, es faucht und rasselt, der Mann mit der Jaguarzahn-Halskette verfällt in einen hypnotischen Singsang. Wir fallen mit. Erst langsam. Dann tiefer und tiefer. Am Strand von Utakleiv auf den <a title="In Google Map anzeigen" href="http://g.co/maps/28b5t" target="_blank">Lofoten</a> ist ein Schamanenritual in Gang. Schlechte Energien sollen mit Tabakrauch vertrieben werden. Isaias leistet gute Arbeit. Trotz Kälte sind wir entspannt und glücklich.</p>
<p><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2011/10/ausweis.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-348" title="Berufsausweis eines Schamanen" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2011/10/ausweis-thumb.jpg" alt="Berufsausweis eines Schamanen" width="150" height="100" /></a>Der kleine Mann mit der priesterlichen Würde wirkt verloren in der imposanten nordischen Landschaft. Als Medizinmann aus dem Amazonas hat man aber auch selten nördlich des Polarkreises zu tun. Ausser man wird, so wie Isaias, zum „<a href="http://www.liaf.no">Lofoten International Art Festival</a>“ eingeladen. Diese Ehre widerfährt nicht jedem. Dass Isaias etwas Besonderes ist, zeigt der Blick in seinen Berufsausweis. Dort ist zu lesen, dass er Mitglied der „Vereinigung der Ayahuasca-Mediziner des Kolumbianischen Amazonas“ ist. Im Logo des Ausweises sind ein paar unscheinbare Blätter abgebildet. Diese allerdings haben es in sich. Die Blätter des Strauches mit dem botanischen Namen Psychotria viridis enthalten nämlich Dimethyltryptamin, kurz DMT, eines der stärksten Halluzinogene überhaupt. Für Isaias Zaubertrank, das Ayahuasca-Gebräu, braucht es dann noch eine weitere Zutat, die Dschungelliane Banisteriopsis caapi. Über eine spezielle Enzymhemmung sorgt diese dafür, dass das DMT seine pharmakologische Wirkung entfalten kann.</p>
<p>Auf Quechua, der Sprache von Isaias Vorfahren, heisst Ayahuasca „Liane der Geister“. Für westliche Bewusstseinserweiterungs-Enthusiasten ist Ayahuasca wahlweise ein heiliges Sakrament, das ultimative kosmische Gewürz oder gar die Rakete in eine völlig andere Dimension, den legendären „DMT-Raum“. Schamane Isaias nennt seinen Trunk schlicht „la medicina“. Wer „la medicina“ genommen hat, zeigt sich in aller Regel tief beeindruckt. Von spektakulären mystischen Visionen, gar unglaublichen Heilungen wird berichtet, von Einsicht in das Wesen des Kosmos und nachhaltiger Veränderung des eigenen Lebens. Ab und zu einmal geht ein Experimentalreisender auf dem Ayahuasca-Trip allerdings auch durch die Hölle. Um dieses Risiko so klein wie möglich zu halten, braucht es einen erfahrenen Reiseleiter wie Isaias, der die Dämonen beim Namen kennt, die überforderte DMT-Touristen quälen können.</p>
<p>Nicht nur Schamane Isaias wurde auf die Lofoten eingeflogen. Weil ich früher einmal ein ganz seriöser Halluzinogenforscher war, durfte auch ich mit in den Norden. Als wissenschaftliches Bodenpersonal, gewissermassen. Im Gepäck habe ich vorsichtshalber ein paar Tabletten Valium. Für den Notfall zur Anpassung der Flughöhe der fünf anderen Ritualteilnehmer. Eingeladen wurden wir von François Bucher, einem in Berlin lebenden Künstler mit französischen und kolumbianischen Wurzeln. François hatte für sein bestenfalls halb offizielles Kunstprojekt im Vorfeld des Lofoten-Festivals eine gute Frage. Und einen weniger guten Plan.</p>
<p>François’ Frage war gleichermassen einfach wie spannend. Erlebt ein Schamane, der noch nie ausserhalb des Amazonas war, in einer völlig anderen Umgebung auf Ayahuasca die gleichen oder andere Visionen wie zu Hause? Jaguar oder Rentier? Kolumbianische Ahnen oder nordische Wikinger? Und wie unterscheiden sich die Visionen von denen seiner mitreisenden Schützlinge aus Berlin, die ebenfalls von seinem Zaubertrank kosten wollen?<br />
Dass die gute Frage des Künstlers vorerst unbeantwortet bleibt, liegt an seinem weniger guten Plan. Isaias, unser Meister aus dem Amazonas, sollte nämlich vorab seinen selbst gebrauten Zaubertrank als Konzentrat per Postkurier nach Oslo schicken. Kein Problem, dachte man, denn für einen zertifizierten Naturheilarzt aus dem Amazonas ist Besitz und Verwendung seiner „medicina“ schliesslich legal. Um die norwegische Zollverwaltung nicht unnötig zu beunruhigen, wurde das eingedickte Ayahuasca als pflanzliche Arthritis-Salbe getarnt. Trotz dieser Fürsorge hat es das Paket leider nicht durch den Zoll geschafft. Eigentlich war das ja zu erwarten. Der Absender &#8220;Bogota &#8211; Colombia&#8221; ist einfach denkbar ungeeignet für das diskrete Verschicken delikater Post. Da will auch noch der naivste Zollbeamte der Welt wissen, was drin ist.</p>
<div id="attachment_340" class="wp-caption aligncenter" style="width: 559px"><img class="size-full wp-image-340" title="Isaias am Lagerfeuer" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2011/10/schamane.jpg" alt="Zigarrenqualm statt Zaubertrank" width="549" height="366" /><p class="wp-caption-text">Zigarrenqualm statt Zaubertrank</p></div>
<p>In Ermangelung an Zaubertrank hüllt sich unsere fröstelnde Arktik-Truppe nun also in Zigarrenqualm statt in psychedelische Visionen. Aber auch die Stumpen des Meisters sind noch stark genug. Gard, unserem norwegischen Reiseorganisator, wird schlecht. Bleich und mit kaltem Schweiss auf der Stirn liegt er da. Sein Puls rast. Gard sagt kein Wort mehr. Später in der Nacht frage ich Isaias, was denn nun sei mit den Ahnen und Krafttieren, hier oben im Norden. Ja, hier sei schon viel los, bemerkt der Schamane. Sirenen im Meer und ein Saurier im Wald. Und ein weiser Geist aus der Gegend hätte sich ihm vorhin genähert. Ein Schamanen-Ahne aus der Gegend. Ganz viel Energie! Die Kontaktaufnahme hätte aber nicht geklappt. Denn dazu brauche er, schon klar, „la medicina“.</p>
<p>Anderentags, ordentlich durchgefroren, geht unsere Gruppenreise durch den Norden weiter. Im Ford Transit wird es akademisch. Man diskutiert über Interdimensionalität, experimentellen Mystizismus und fragt sich, was Bewusstsein mit Quantenverschränkung zu tun haben könnte. Isaias hat ganz andere Sorgen. Während wir hübsche Gedankenseifenblasen produzieren, sucht Isaias nach einem naturbelassenen Bach, aus dem er Wasser trinken kann. Nur so ist für ihn nämlich herauszufinden, ob er mit seinen Ahnen doch noch Kontakt aufnehmen kann.</p>
<div id="attachment_361" class="wp-caption aligncenter" style="width: 559px"><img class="size-full wp-image-361 " title="Kulturschock" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2011/10/kulturschock.jpg" alt="Die Lofoten, ein Kulturschock für den Mann aus dem Amazonas" width="549" height="366" /><p class="wp-caption-text">Die Lofoten, ein Kulturschock für den Mann aus dem Amazonas</p></div>
<p>Mir wird plötzlich bewusst, was für einen Kulturschock wir dem Mann aus dem Amazonas zumuten. Jetlag, Kälte, Schlaflosigkeit, überall nur fremde Sprachen. Und selbst die Begegnung mit einem Schamanen-Kollegen aus dem Norden erweist sich als schwierig. Der Saami Ánde Somby stammt aus der Finnmark, beherrscht die Kunst des Joik-Gesangs und bezeichnet sich selbst als Schamanen. Zu Isaias Begrüssung hat ihm Ánde eine selbst gemachte Trommel aus Rentierfell geschenkt. Ánde kommt aus einer Welt der Elite. Der promovierte Rechtswissenschaftler ist Professor an der Universität von Tromsø und früherer Vorsitzender des Zentrums für Saami Studien. Schamane Ánde joikt für Bob Geldof und am Begräbnis von Punkband-Manager Malcom McLaren. Schamane Isaias kommt aus einer Welt von Armut und Gewalt. Er lebt in <a title="In Google Maps anzeigen" href="http://g.co/maps/pj9xk" target="_blank">Mocoa</a>, der Provinzhauptstadt des Departements Putumayo. Eine der gefährlichsten Gegenden Kolumbiens. Vor zwölf Jahren wurde Isaias Frau von Paramilitärs erschossen. Und vor gerade mal drei Wochen einer seiner Söhne. Ebenfalls von den rechtsgerichteten <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Autodefensas_Unidas_de_Colombia" target="_blank"><abbr title="Autodefensas Unidas de Colombia">Paramilitärs der AUC</abbr></a>. Beim Fussball spielen. Einfach so, ohne erkennbaren Grund. Nach der Begegnung mit Ánde hat Isaias Zweifel an den spirituellen Fähigkeiten seines Kollegen aus dem Polarkreis. Keinerlei Energie hätte er bei ihm gespürt. Sein Urteil ist kurz und bündig: „Das ist kein Schamane!“</p>
<p>Nach einer Woche mit uns und der schrillen Kunstwelt hat Isaias genug. Er will einfach nur nach Hause. Zurück in den Amazonas, wo sich am Äquator die Sonne abends einfach ausknipst. Und einem nicht wie hier als Mitternachtssonne den Schlaf raubt. Endlich wieder Ayahuasca brauen und seine vertrauten Geister und Ahnen um sich haben. Gerne wüssten wir, was Isaias seinen Schamanen-Kollegen daheim berichtet. Von seinem Trip in diese andere, fremde Welt.</p>
<p>© neuro culture lab</p>
<p>Publiziert in der NZZ am Sonntag (21.8.2011)</p>
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		<title>Edelrausch im Labor</title>
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		<pubDate>Sat, 01 May 2010 14:13:28 +0000</pubDate>
		<dc:creator>felix</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Halluzinogene Drogen wirken an der Schnittstelle von Gehirn und Geist. Mit neurowissenschaftlichen Methoden untersucht die zeitgenössische Halluzinogenforschung biologische Grundlagen veränderter Bewusstseinszustände. Von Molekularbiologie bis Metaphysik ist mit Erkenntnisgewinn zu rechnen.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Halluzinogene Drogen wirken an der Schnittstelle von Gehirn und Geist. Mit neurowissenschaftlichen Methoden untersucht die zeitgenössische Halluzinogenforschung biologische Grundlagen veränderter Bewusstseinszustände. Von Molekularbiologie bis Metaphysik ist mit Erkenntnisgewinn zu rechnen.</em></p>
<p>Der Proband, der gerade aus dem Tomographen gefahren wird, liegt ruhig da, schaut erstaunt in die Welt und sagt kein Wort. Durch seine geweiteten Pupillen dringt eine Welt von bizarrer Schönheit. Fremdartig, erschreckend und faszinierend zugleich. Auch er selbst, sogar sein innerster Kern, ist Teil dieser alternativen Realität. Oder vielmehr <em>war</em>. Denn die halluzinogene Wirkung des dissoziativen Anästhetikums Ketamin, das dem Medizinstudenten am Universitätsspital Zürich zu Forschungszwecken injiziert wurde, lässt bereits nach. Wie im Studienprotokoll vorgesehen, wird der Proband ein paar Tage später einen rückblickenden Bericht abgeben. Weil der psychonautisch ambitionierte Student auch noch sprachgewandt ist, fällt sein Reisbericht geradezu literarisch aus:</p>
<h3>Chromhelikopter im Aquamarinhimmel</h3>
<p>&#8220;Was für ein Edelrausch! Im Vergleich dazu ist Alkohol eine durchgerostete Konservenbüchse, das Ketamin ein chromblitzendes Torpedo mit verheissungsvoller Tankfüllung. Ich hatte bald die Struktur einer Kugel, aus deren Mitte ich wie ein Korken nach oben stieg. Ich wurde in einen eisigen Sarkophag gewirbelt, in dem ich auf hohen Wellenkronen tanzte. Meine Ausdehnung nahm ungeahnte Ausmasse an. Ich wurde flacher, schräger, ich winkelte, zerbog, floss und erstarre in wahnwitzigem Tempo. Die Umgebung schien aus sich selbst heraus Licht zu erzeugen wie Pilze auf faulendem Holz. Ich glitt durch perspektivisch unmögliche Räume. Ein kleines Kind mit Sonnenhut watschelte überbelichtet im Schnellvorlauf einen Sandstrand entlang, bis ich wieder abhob und in einem Chromhelikopter Schnee beladene Ebenen überquerte, verfolgt vom Stakkato greller Suchscheinwerfer. Ich wurde wieder weggerissen über goldene Dächer und Türme. Empor strebte ich in den hohen Aquamarinhimmel und um meine Bahn wuchsen Metropolen-Myriaden. New Yorks, Tokios, Kalkuttas.&#8221;</p>
<div id="attachment_248" class="wp-caption alignnone" style="width: 568px"><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/corsin.jpg"><img class="size-full wp-image-248" title="corsin" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/corsin.jpg" alt="Proband Corsin in der frühen Phase eines Psilocybin-Experiments an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich" width="558" height="372" /></a><p class="wp-caption-text">Proband Corsin in der frühen Phase eines Psilocybin-Experiments an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich</p></div>
<p>Zweifellos eine beeindruckende Erfahrung für einen Medizinstudenten im vierten Semester. Aber keineswegs eine einzigartige. Seit langer Zeit verwenden Millionen von Menschen auf der ganzen Welt LSD, psychedelische Pilze, Meskalin und eine Vielzahl andere Halluzinogene zur Erzeugung veränderter Bewusstseinszustände. Einzigartig aber sind die Begleitumstände des Drogentrips unseres Medizinstudenten. Er tat es nämlich – und darauf legt er Wert – nur für die Forschung. Weil sich der Student bereit erklärt hat, sich auf der Ketaminreise im Positronen-Emissionstomographen eine kleine Dosis der radioaktiven Markierungssubstanz <sup>18</sup>Fluor-Deoxyglukose spritzen zu lassen, haben die Zürcher Hirnforscher aus dem Team des Psychiaters Franz Xaver Vollenweider nun nicht nur ein poetisches Protokoll subjektiver Erfahrung, sondern auch eine Abbildung des neuronalen Hirnzustandes, der den Probanden dieses phantastische Universum halluzinieren liess. Und genau darum geht es den Forschern in Zürich. Ausgestattet mit einer Ausnahmebewilligung des Bundesamtes für Gesundheit und unter strenger Aufsicht zweier Ethikkommissionen setzen die Wissenschaftler seit Mitte der 1990er Jahre halluzinogene Drogen bei gesunden Probanden ein, um die hirnfunktionelle Basis veränderter Bewusstseinszustände zu erforschen. Um den Verdacht einer unvoreingenommenen Berichterstattung gleich zu entkräften, sei es vorweg genommen: Der Autor dieses Artikels ist einer dieser Forscher.</p>
<h3>Halluzinogenforschung im Neuro-Zeitalter</h3>
<p>Der epistemische Ansatz der modernen Halluzinogenforschung – in seiner knallhart neurowissenschaftlichen Ausprägung ganz ein Kind der in den 90er Jahren ausgerufenen „Dekade des Gehirns“ &#8211; ist eigentlich ein einfacher. Was interessiert, ist die Frage nach der zerebralen Biologie alternativer Wachbewusstseinszustände. Im Sinne eines grundlegenden Verständnisses von „unten nach oben“ gilt es daher erst einmal zu verstehen, in welcher Art und Weise Halluzinogene überhaupt mit ihrem Zielorgan, dem Gehirn, interagieren. Welche Rezeptoren sind am Geschehen beteiligt und was sind die funktionellen Konsequenzen der Wechselwirkung an der Schnittstelle von Chemie und Biologie? Dazu kurz und knapp: Alle klassischen Halluzinogene wie LSD, Meskalin oder auch Psilocybin &#8211; der Inhaltsstoff der psychedelischen Zauberpilze &#8211; binden in erster Linie an Serotoninrezeptoren. Die bewusstseinsverändernde Wirkung dieser Substanzen wird im Wesentlichen durch die Aktivierung des Serotonin-2A-Rezeptors ausgelöst. Dass dem so ist, wissen wir aus pharmakologischen Blockierungsexperimenten. Wird nämlich Versuchspersonen eine Stunde vor den Psilocybinkapseln der Serotonin-2A-Rezeptorblocker Ketanserin verabreicht, so bleibt das Psilocybin – zur Enttäuschung der Probanden – fast vollständig wirkungslos.</p>
<h3>Tor zum Bewusstsein</h3>
<p>Auf der nächst höheren Betrachtungsebene interessiert sich die zeitgenössische Halluzinogenforschung für ganze Neuronenverbände und Zellcluster, die durch Psychedelika aktiviert beziehungsweise inhibiert werden. Welche neuronalen Regelkreise sind betroffen und was sind die funktionellen Konsequenzen daraus, lautet hier die Kernfrage. Von zentraler Bedeutung scheinen auf dieser Ebene die so genannten Cortico-striato-thalamo-corticalen Schleifen („CSTC-loops“) zu sein, die auch durch das Serotoninsystem reguliert werden. Diese Regelkreise verbinden verschiedene Hirnbereiche wie das Stirnhirn, das Striatum und den Thalamus miteinander und dienen dem Sammeln, Verarbeiten und Weiterleiten interner und externer Information. Die Störung des Botenstoffhaushalts durch Halluzinogene lässt diese Regelkreise überfordert zusammenbrechen, was über eine biochemische Kaskade zur Überflutung des Stirnhirns mit einem weiteren Botenstoff, dem exzitatorisch wirksamen Glutamat führt. Wieder eine Komplexitätsstufe höher richten die Halluzinogenforscher ihre Lupe auf ganze Hirngebiete. Hier steht beispielsweise der Thalamus, das „Tor zum Bewusstsein“ im Rampenlicht. Dieses Hirnorgan ist für die Filterung und Kanalisierung von Information zuständig. Die Störung thalamischer Reizfilterung durch Halluzinogene, so nimmt man an, führt zu einer ungehemmten Überflutung höherer kortikaler Hirnareale mit inneren und äusseren Wahrnehmungsreizen aus allen Sinnesbereichen. Die Halluzinogene bewirken eine Art Informationsverarbeitungs-Störung und führen so zu fundamentalen Veränderungen in allen Aspekten menschlicher Erlebnismöglichkeit: Sehen, Fühlen, Denken, Raum, Zeit, Ich und Umwelt – alles gerät durcheinander.</p>
<div id="attachment_249" class="wp-caption alignnone" style="width: 568px"><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/corsin2.jpg"><img class="size-full wp-image-249" title="corsin2" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/corsin2.jpg" alt="Proband Corsin auf Psilocybin" width="558" height="372" /></a><p class="wp-caption-text">Proband Corsin auf Psilocybin</p></div>
<p>Womit wir &#8211; nunmehr an der Schnittstelle von Biologie und Psychologie &#8211; wieder eine Sprosse höher auf der Leiter der Erkenntnis angelangt wären. Hier wird es erstens sehr interessant und zweitens sehr komplex. Was genau sind die erlebten Inhalte, die subjektiv erfahrbaren Konsequenzen der durch Halluzinogene veränderten Hirnchemie? In welchem neurofunktionellen Zustand des Gehirns schildern Versuchspersonen eine Psilocybinerfahrung als qualvoll und wie sehen im Gegensatz dazu die Hirnaktivierungsmuster aus, die Probanden ozeanische Entgrenzungszustände vollkommenen Glücks erleben lassen? Was ist der Aktivierungszustand eines Gehirns, das auf dem Drogentrip ganze psychedelische Universen halluziniert, so wie unser Proband auf Ketamin ? Hier wird Halluzinogenforschung zur Bewusstseinsforschung. Und hier sind Halluzinogene als Untersuchungsinstrumente geradezu prädestiniert, wirken sie doch spezifisch wie nichts anderes am „Brain-Mind-Interface“, der Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist.</p>
<h3>Himmel, Hölle und Vision &#8230;</h3>
<p>&#8230; nannte der britische Schriftsteller <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Aldous_Huxley" target="_blank">Aldous Huxley</a> die verschiedenen Facetten einer Meskalinreise. Ende der 1980er Jahre kam der Psychologe Adolf Dittrich, der in seinen „Untersuchungen zur ätiologie-unabhängigen Struktur veränderter Wachbewusstseinszustände“ eine Art Systematik des Rauscherlebens erstellt hat, zu ganz ähnlichen Ergebnissen. Während einer Vielzahl von Experimenten mit Reizentzug im Samadhitank, unter dem Einfluss von Lachgas, Cannabis oder dem Halluzinogen Dimethyltryptamin wurden Fragebögen ausgefüllt. Diese psychometrischen Daten wurden später mit komplexen statistischen Verfahren ausgewertet. Dittrichs Analysen führten zu den gleichen Rauschdimensionen, die schon Huxley beschrieben hatte. Allerdings gab Dittrich den gemeinsamen Kerndimensionen alternativer Bewusstseinszustände neue klangvolle Namen: „Ozeanische Selbstentgrenzung“, „Angstvolle Ichauflösung“ und „Visionäre Umstrukturierung“. Die psychologische Dimension „Ozeanische Selbstentgrenzung“ beschreibt die beglückenden Aspekte des Erlebens ausserhalb des normalen Alltagsbewusstseins. Dazu gehören Erfahrungen des Einsseins mit der Welt, der Befreiung von den Beschränkungen von Raum und Zeit, das Gefühl allumfassender Liebe oder die intuitive Ahnung einer höheren Wirklichkeit. Dieses Syndrom positiver, maniformer Derealisation mit gelösten Ich-Umweltgrenzen umschreibt die transzendentalen Anteile beispielsweise einer LSD-Erfahrung. Der genaue Antipode dieses erhabenen Glückszustandes ist die „Angstvolle Ich-Auflösung“. Diese Rauschdimension umschreibt die apokalyptische Verlaufsform einer Drogenreise. Ich-Instanzen kollabieren, Angst und Panik macht sich breit, die Welt fragmentiert und stürzt ein, das quälende Gefühle wir erlebt, gleich den Verstand zu verlieren, in ewiger Einsamkeit zu verzweifeln oder gar sterben zu müssen. Der klassische Horrotrip ist ein Erlebniszustand, der vor allem durch diese Erfahrungsdimension Angst charakterisiert ist. Glücklich, wer jetzt ein Valium zur Hand hat. Die dritte Dimension, die „Visionäre Umstrukturierung“ ist die vielschichtigste. In diesem perzeptuellen Syndrom werden Illusionen, Halluzinationen oder auch das Auftreten von Synästhesien (zum Beispiel das „Sehen“ von Tönen) zusammengefasst. Zu dieser Kategorie gehören alle Wahrnehmungsveränderungen, die innerhalb eines veränderten Bewusstseinszustands auftreten. Dazu gesellt sich typischerweise noch das veränderte Bedeutungserleben: Bekannte Dinge oder routinierte Vorgänge des Alltags können auf der psychedelischen Reise eine völlig neue Bedeutung erlangen. Selbst die Kaffeetasse auf dem Tisch kann unter dem Einfluss von LSD als belebt, beseelt und von einer tiefen Bedeutung erfüllt erlebt werden. Die neuere Forschung hat auch gezeigt, dass in jeglichem veränderten Wachbewusstseinszustand immer Anteile aller drei Kerndimensionen auftreten. Allein deren Gewichtung entscheidet zwischen glücklicher Ekstase und Höllentrip.</p>
<p>Wenn es darum geht, den Gesamtzustand eines Gehirns unter bestimmten Bedingungen zu erfassen &#8211; sei es auf einer Drogenreise oder auch nur beim Lösen einer Matheaufgabe – schlägt die Stunde der bildgebenden Verfahren. Wie keine andere Technologie prägen Magnetresonanz- und die verschiedenen nuklearmedizinischen Tomographie-Methoden die moderne Hirnforschung. Neuroimaging ist eine echte Erfolgsgeschichte der Wissenschaft. An jedem Tag erscheinen gegenwärtig acht neue Forschungsarbeiten, die sich der Technik der funktionellen Magnetresonanztomographie bedienen, wie <a href="http://www.kyb.mpg.de/~nikos" target="_blank">Nikos Logothetis</a> vom Max-Planck Institut für biologische Kybernetik in Tübingen in der Zeitschrift <em>Nature</em> vorgerechnet hat. Ausgerüstet mit dem nötigen Hightech-Equipment kann man als Hirnforscher Durchblutung, Hirnstoffwechsel, Glukosemetabolismus und viele andere interessante Vorgänge messen. Selbstverständlich werden diese Techniken auch von den Halluzinogenforschern in Zürich ausgiebig genutzt. So konnte vor kurzem in einer Bildgebungs-Studie mit dem selektiven Serotonin-2A Rezeptormarker <sup>18</sup>Fluor-Altanserin gezeigt werden, dass die Psilocybin-Besetzung dieses Serotoninrezeptors im anterioren Cingulum sowie bestimmten medio-frontalen und temporalen Arealen mit dem halluzinatorischen Erleben korreliert ist.</p>
<h3>Halluziniert der Mensch mit dem Cingulum?</h3>
<p>Sind damit die neuronalen Korrelate veränderter Bewusstseinzustände entdeckt ? Halluziniert der Mensch also mit dem anterioren Cingulum ? Ganz so einfach ist es natürlich nicht. Diese Hirnregion ist nämlich auch an einer Vielzahl anderer Prozesse beteiligt, beispielsweise an Problemlösung oder der Verarbeitung widersprüchlicher Informationen. Und – wer hätte das gedacht – das anteriore Cingulum leuchtet sogar auf, wenn man amerikanischen Probanden im Kernspintomographen Bilder von Hillary Clinton zeigt. Dies weiss die amüsiert reagierende Neurowissenschaftler-Gemeinde seit der Veröffentlichung einer Studie zu den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen, die sogar in der <em>New York Times</em> besprochen wurde. Trotz aller unbestreitbaren Vorzüge des Neuroimagings sollte man &#8211; auch oder gerade als Forscher &#8211; eine kritische Distanz zu den Bildgebungsdaten wahren. Denn auch wenn die bunten Tomographiebilder aufgrund ihrer Erscheinungsform die gefährliche Suggestivkraft einer wahrheitsgetreuen Abbildung entwickeln, darf man nicht vergessen, dass es sich dabei um nichts anderes als computergenerierte und ansehnlich fürs Auge aufbereitete statistisch-parametrische Berechnungen handelt. Und schon geringe Änderungen der Ausgangsparameter können das Ergebnis drastisch beeinflussen.</p>
<h3>Experimenteller Mystizismus</h3>
<p>Sollte ein Probandengehirn unter dem Einfluss von LSD nicht nur hübsche geometrische Formen und traumartige Szenen halluzinieren, sondern sogar Gott, sind wir in der Metaphysik, der <em>Champions League</em> der Suche nach Erkenntnis angelangt. In diese Welt der letzten Fragen, traditionell ein Hoheitsgebiet der Philosophie und Theologie, ist in den letzten Jahren auch die Hirnforschung eingefallen. Unter dem Etikett <em>Neurotheologie</em> oder auch <em>Biotheologie</em> begehen Neurowissenschaftler einen interessanten Tabubruch. Sie untersuchen Phänomene des Glaubens im Labor oder wollen gar ein angeborenes neuronales „Gottmodul“ mit naturwissenschaftlichen Methoden nachweisen. Dass sich halluzinogene Drogen auch zur gezielten Gottsimulation eignen, wurde bereits in den 1960er Jahren erkannt. Als echte Pioniertat auf dem Gebiet des experimentellen Mystizismus gilt <a href="http://www.erowid.org/culture/characters/pahnke_walter/pahnke_walter.shtml" target="_blank">Walter Pahnkes</a> <a href="http://www.erowid.org/plants/mushrooms/mushrooms_journal2.shtml" target="_blank">Karfreitagsexperiment</a>. Am Karfreitag des Jahres 1962 verabreichte der junge Arzt und Theologe in der Marsh Chappel in Boston Kapseln an zwanzig Theologiestudenten. Die eine Hälfte der Versuchspersonen erhielt ein wirkungsloses Placebo, die andere Hälfte 30 mg des halluzinogenen Pilzwirkstoffs Psilocybin. Im Keller der Kapelle wohnten die Versuchspersonen der Karfreitagsmesse bei, die über Lautsprecher übertragen wurde. Die Auswertung der Fragebögen, welche die Versuchspersonen nach dem Experiment ausfüllten, ergab dramatische Ergebnisse: Die meisten Teilnehmer hatten unter der Psilocybinwirkung tiefe mystisch-spirituelle Grenzerfahrungen gemacht. An Pahnkes Experiment nahm auch der spätere Religionsphilosoph <a href="http://hustonsmith.org/index.htm" target="_blank">Huston Smith</a> teil, der ebenfalls Psilocybin bekam. In einem Interview erinnert sich Smith an das Experiment: “Auf dem Höhepunkt des Gottesdienstes sang eine Sopranstimme die Hymne: „My times are in Thy hands, I’ll always trust in Thee; And after death at Thy right hand I shall forever be“. Diese Engelsstimme katapultierte mich augenblicklich in einen Zustand, den Hindus eine <em>Bhakti-Erfahrung</em> nennen: Einen Zustand allumfassender Liebe mit dem Göttlichen, mit einem personalisierten Gott.“ Es gab allerdings auch aversive Reaktionen während des Karfreitagsexperiments. Besonders ein Zwischenfall wurde von Versuchsleiter Pahnke später leider notorisch unterschlagen. Der Proband <em>L.R.</em> hatte nämlich eine akut psychotische Reaktion. Er gewann die Überzeugung, Gott hätte ihn auserwählt, um der Welt den Anbruch des Zeitalters des Friedens zu verkünden. Er floh aus der Kapelle in die Stadt um in den belebten Strassen die frohe Botschaft zu verkündigen. Es brauchte mehrere Personen, um den entflohenen Probanden zurück in die Kapelle zu bringen. Pahnke musste den agitierten Probanden sogar mit einer Injektion des Neuroleptikums Thorazin ruhig stellen.</p>
<div id="attachment_250" class="wp-caption alignnone" style="width: 568px"><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/corsin1.jpg"><img class="size-full wp-image-250" title="corsin1" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/corsin1.jpg" alt="Proband Corsin - Neurowissenschaftliche Untersuchung im Positronen-Emissions-Tomograph" width="558" height="372" /></a><p class="wp-caption-text">Proband Corsin - Neurowissenschaftliche Untersuchung im Positronen-Emissions-Tomograph</p></div>
<p>Erst vor kurzem hat der amerikanische Psychologe und Halluzinogenforscher <a href="http://www.bpru.org/bio/griffiths.html" target="_blank">Roland Griffiths</a> das Pahnke-Experiment in zeitgemässer Form wiederholt. Nicht in einer Kirche und nicht am Karfreitag, sondern in einem wohnzimmerartigen Untersuchungsraum an der Harvard University erhielten die Versuchspersonen dieselbe hohe Dosis Psilocybin. Vierzig Jahre nach Pahnkes Karfreitagsexperiment war das Ergebnis vergleichbar. Etwa zwei Drittel der Probanden erfüllten die psychometrisch erfassten Kriterien für eine „vollständige mystische Erfahrung“. Ebenfalls etwa zwei Drittel der Probanden gaben später an, die Erfahrung würde zu den fünf bedeutungsvollsten Ereignissen ihres Lebens gehören. Interessant sind auch die freien Berichte, welche die Versuchspersonen später verfasst haben. „Die erschreckende Erfahrung des Todes, gefolgt von absolutem Frieden und in Anwesenheit Gottes zu sein“ hat beispielsweise Proband 21 gemacht. „Es war so Ehrfurcht gebietend, mit Gott zu sein, dass Worte die Erfahrung nicht beschreiben können“, so der Proband weiter. Aber auch in Griffiths kontrolliertem Versuchs-Setting wurde es für einen Teil der Probanden geradezu existenziell schwierig. Proband 29 berichtet: „Ich erlebte eine tiefe Trauer. Als ob aller Schmerz und alle Traurigkeit der Welt durch mich hindurch fliessen würde und mein Wesen Zelle für Zelle auseinander reisst.“ Ob mit Halluzinogenen gewissermassen erzwungene spirituellen Erfahrungen identisch sind mit einer spontan auftretenden „Unio mystica“, wie sie Meister Eckhart oder Hildegard von Bingen erlebt haben, bleibt natürlich offen. Sicher ist, dass sich mit Halluzinogenen Grenzerfahrungen machen lassen. Ob man solche Grenzzustände als mystische Erfahrungen deutet oder als psychotisches Wahnerlebnis, ist dann vor allem eine Frage der Interpretation.</p>
<p>Die voran gegangenen Beispiele subjektiver Erfahrung aus dem Forschungsgebiet „experimenteller Mystizismus“ zeigen aber eine Grundqualität sämtlicher Halluzinogene auf: Man weiss nie, wohin die Reise geht. Ein launischer Gefährte ist dieses „Stäubchen Bewusstsein“, wie der vor kurzem im Alter von 102 Jahren verstorbene Naturstoffchemiker <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Albert_Hofmann" target="_blank">Albert Hofmann</a> seine Entdeckung LSD nannte. Himmelhoch jauchzend und zu Tode betrübt sein. In Ehrfurcht ergriffen von der Schönheit der Welt sein und im Innersten erschüttert werden von der Angst, jeden Moment den Verstand zu verlieren. Alle dies ist möglich. Mag sein, dass LSD, Pilze und Co. das Bewusstsein unendlich erweitern. Das gilt allerdings auch für die negativen Seiten menschlicher Erfahrung, die wir im Normalfall des Alltags instinktiv zu meiden suchen.</p>
<h3>LSD für Psychiater</h3>
<p>Sowohl Halluzinogentrips wie auch spontan auftretende religiös-spirituelle Grenzerfahrungen bewegen sich häufig in gefährlicher Nähe zur Psychose. Nicht ohne Grund werden Halluzinogene traditionsgemäss in der Modellpsychose-Forschung angewendet. LSD beispielsweise war ursprünglich von <em>Sandoz</em> unter dem Markennamen <em>Delysid</em> zum Zweck der Selbsterfahrung für Therapeuten auf den Markt gebracht worden. Mit LSD, so die Überlegung, sollte vorübergehend die Erlebniswelt psychotischer Patienten erfahrbar werden. Man erhoffte sich ein vertieftes Verständnis für das Leiden dieser Patienten. Auch <a href="http://www.heffter.org/board-vollenweider.htm" target="_blank">Franz Vollenweiders</a> Halluzinogenforscher-Gruppe betreibt experimentelle Psychopathologie-Forschung. Aus einer Vielzahl von Studien ist bekannt, dass am psychopathologischen Geschehen bei einer Schizophrenie mindestens vier Neurotransmitter-Systeme beteiligt sind: Dopamin, Serotonin, GABA und Glutamat. Für jedes dieser Systeme stehen spezifisch wirksame Substanzen zur pharmakologischen Beeinflussung zur Verfügung. So können mit Amphetamin das Dopaminsystem, mit Psilocybin die serotonergen Komponenten und mit Muscimol und Ketamin das GABA-erge beziehungsweise glutamaterge System im Sinne einer Modellpsychose vorübergehend gestört werden. Mit verschiedenen experimentellen Paradigmen zur Informationsverarbeitung (wie der Präpulsinhibition des akustischen Schreckreflexes) oder auch mit bildgebenden Verfahren lässt sich der Frage nachgehen, ob nicht spontan auftretenden Psychosen und per Drogentrip willentlich verursachten veränderten Bewusstseinszuständen ähnliche hirnbiologische Prozesse zugrunde liegen. Tatsächlich gibt es erstaunliche Übereinstimmungen. So führen sowohl Psilocybin wie auch Ketamin bei gesunden Versuchspersonen zu einer Hyperaktivierung des Frontalkortex, ähnlich wie dies bei akut psychotischen Patienten, vor allem im Rahmen einer Ersterkrankung, nachgewiesen wurde. Untersuchungen dieser Art verfolgen die Absicht, die Biologie von Psychosen besser zu verstehen und aus diesem Wissen heraus neue pharmakologische Behandlungskonzepte zur Therapie von Schizophrenien zu entwickeln. Der modellhafte Charakter einer Modellpsychose ist aber zu betonen. Ein Ketaminzustand ist natürlich keineswegs <em>dasselbe</em> wie eine Schizophrenie. Denn es gibt eine ganz Reihe an fundamentalen Unterschieden. So fehlt dem Halluzinogen-induzierten Erleben – in aller Regel – die Wahngewissheit. Auf dem Trip sagt man: „es ist, als ob“, in einer floriden Psychose nur noch: „es ist“. Auch sind die Halluzinationen in einer Psychose vor allem akustischer Natur, während Psychedelika klassischerweise visuelle Illusionen und (Pseudo-)Halluzinationen verursachen: Von einfachen, elementaren Mustern (den „Klüver’schen Formkonstanten“) über komplex zusammengesetzte, bewegte Formen bis hin zum traumartigen Erleben ganzer Szenen.</p>
<p>Biologische Grundlagenforschung, Bewusstseinsforschung, Experimentalmystik oder Modellpsychose &#8211; so vielseitig halluzinogene Drogen in den Köpfen der Menschen wirken, so vielseitig ist auch deren Einsatzmöglichkeit in der Wissenschaft. Über viele Jahrzehnte hat die Diskussion um halluzinogene Drogen die Gemüter erhitzt. Man konnte den Eindruck gewinnen, dass LSD sogar die Vernunft derer benebelt, die es gar nie genommen haben. Jahrelang sprach man politisch ideologisiert von LSD als der „gefährlichste Droge, die es je gab“ oder von Halluzinogenen als „Moral zersetzende Psychogifte, welche die Jugend in Drogenelend und Wahnsinn treiben“. Auf Befürworterseite wurde allerdings nicht weniger irrational argumentiert. Psychedelische Drogen wurden zum „Treibstoff der Weltrevolution“ erklärt und als „chemischer Weg“ zu „spirituellem Durchbruch, Kreativität und ewigem Frieden“ empfohlen. Langsam aber scheinen sich wissenschaftliche Fakten und Vernunft durchzusetzen. An immer mehr universitären Institutionen in den verschiedensten Ländern wird es möglich, wieder mit Halluzinogenen am Menschen zu forschen. Man könnte sogar von einem kleinen Revival der Halluzinogenforschung sprechen.</p>
<p>© neuro culture lab</p>
<p>Publiziert (in Französisch und Spanisch):</p>
<ul>
<li><a href="http://www.cerveauetpsycho.fr/ewb_pages/f/fiche-article-substances-hallucinogenes-18860.php" target="_blank">Le cerveau halluciné &#8211; substances hallucinogènes. Cerveau et Psycho  31: 52-55 (2008)</a></li>
<li><a href="http://www.investigacionyciencia.es/03064628000635/Sustancias_alucinógenas.htm" target="_blank">Sustancias alucinógenas. Mente y Cerebro 37: 32-37 (2009)</a></li>
</ul>
<h3>Auschnitte aus dem Filmprotokoll</h3>
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		<title>Was will, wenn wir wollen?</title>
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		<pubDate>Wed, 28 Apr 2010 05:19:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>neno</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hirnforscher und Geisteswissenschaftler liegen im Streit um die Willensfreiheit des Menschen. Die Beweisführung der Neurobiologen beruht auf Experimenten, deren Aussagekraft durch neue Untersuchungen in Frage gestellt wird.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="alignnone size-full wp-image-213" title="DSCN3188" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/DSCN3188.jpg" alt="DSCN3188" width="550" height="412" /></p>
<p><em>Hirnforscher und Geisteswissenschaftler liegen im Streit um die Willensfreiheit des Menschen. Die Beweisführung der Neurobiologen beruht auf Experimenten, deren Aussagekraft durch neue Untersuchungen in Frage gestellt wird.</em></p>
<p>Na gut &#8211; dann halt nicht. Dann haben wir eben keinen freien Willen und sind nur neuronengesteuerte Bioautomaten, deren Gehirn nach einem festgeschriebenen biologischen Programm entscheidet und handelt. Zu dieser trotzigen Erkenntis musste unser narzisstisch gekränktes Ego kommen, wenn man in den letzten Jahren die Feuilleton-Debatte über die „Illusion Willensfreiheit“ mitverfolgt hat. Angestossen wurde die mitunter sogar gehässig geführte Diskussion zwischen Natur- und Geisteswissenschaftlern von einigen prominenten Hirnforschern. Deren These in Kurzfassung: Während wir scheinbar noch an einem Problem hin und her überlegen hat unser Gehirn längst autonom hinter unserem Rücken entschieden. Was wir subjektiv als eigenständig gefällte Entscheidung empfinden, sei lediglich die Vollzugsmeldung unseres Gehirns für eine längst eingeleitete Aktion. Nicht viel mehr als der Quittungsbeleg zum Abheften für die Buchhaltung.</p>
<h3>Gehirn macht, was es will</h3>
<p><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/DSCN3138.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-234" title="DSCN3138" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/DSCN3138-150x150.jpg" alt="DSCN3138" width="150" height="150" /></a></p>
<p><strong>&#8220;Wir tun nicht, was wir wollen, sondern wir wollen, was wir tun&#8221;</strong>, ist das ernüchternde Fazit des Kognitionspsychologen <a href="http://www.cbs.mpg.de/staff/prinz-10359" target="_blank">Wolfgang Prinz</a>, der den freien Willen lediglich für ein soziales Konstrukt hält. Dass der freie Wille nicht mehr als eine Illusion sei, davon ist auch <a href="http://www.ifh.uni-bremen.de/roth/" target="_blank">Gerhard Roth</a> von der Universität Bremen überzeugt. Der Neurobiologe lehnt sich weit aus dem Fenster, wenn es um die Unfreiheit des Willens geht. &#8220;Die Entthronung des Menschen als freies denkendes Wesen &#8211; das ist der Endpunkt, den wir erreichen&#8221;, so Roth in einem Interview. Und mit <a href="http://www.mpih-frankfurt.mpg.de/global/Np/Staff/singer_d.htm" target="_blank">Wolf Singer</a>, Direktor der Abteilung Neurophysiologie des Max Planck Instituts für Hirnforschung, ist das Triumvirat komplett, das sich der Demontage des &#8220;Mythos Willensfreiheit&#8221; verschrieben hat. &#8220;Verschaltungen legen uns fest: Wir sollten aufhören, von Freiheit zu sprechen&#8221;, das ist Singers Forderung. Sollte unser Gehirn tatsächlich willensautonom agieren, hätte dies weitreichende Konsequenzen. Gar eine Reform der Strafprozessordnung &#8211; die auf der grundsätzlichen Schuldfähigkeit des psychisch gesunden Menschen beruht &#8211; wurde von einigen Hirnforschern nahegelegt. &#8220;Eine Gesellschaft darf niemanden bestrafen, nur weil er in irgendeinem moralischen Sinne schuldig geworden ist &#8211; dies hätte nur dann Sinn, wenn dieses denkende Subjekt die Möglichkeit gehabt hätte, auch anders zu handeln als tatsächlich geschehen&#8221; gibt Biologe Roth zu bedenken.</p>
<p>Doch auf welchen Experimenten aus der Hirnforschung beruht die Sichtweise von Roth und Kollegen, dass unser Gehirn hinter unserem Rücken macht, was es will? Begibt man sich auf die neurobiologische Faktenebene, ist die Beweislage eher dürftig. Als Kronzeuge der Anklage amten in der experimentellen Beweisführung bis heute die Untersuchungen des amerikanischen Physiologen <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Benjamin_Libet" target="_blank">Benjamin Libet</a> aus den frühen achtziger Jahren. Ausgangspunkt für Libets Experimente waren die &#8220;Bereitschaftspotentiale&#8221;. Darunter versteht man die mittels Hirnstrommessung ableitbare Aktivität in bestimmten Grosshirnarealen, die im Vorfeld von willkürlichen Bewegungen auftritt. In Libets Versuchsaufbau hatten die Testpersonen die Aufgabe, innerhalb eines vorgegebenen Zeitfensters nach eigenem Ermessen die Hand zu bewegen. Dazu sollten sich die Versuchsteilnehmer die Position eines Lichtpunkts auf einer Oszilloskop-Uhr merken, und zwar genau zu der Zeit, als sie subjektiv den Bewegungsentscheid gefällt hatten. Später wurden die Aussagen mit den aufgezeichneten Hirnströmen verglichen. Der berichtete Zeitpunkt des Handlungsentscheids lag erwartungsgemäss im Durchschnitt 200 Millisekunden vor der Ausführung. So weit, so gut. Zur grossen Überraschung Libets haben sich aber &#8211; gänzlich unbemerkt von den Versuchspersonen &#8211; bereits eine halbe Sekunde früher die Bereitschaftspotentiale in den motorischen Arealen des Gehirns aufgebaut. Offensichtlich hatte das Gehirn die Handlung also schon lange vor dem subjektiv wahrgenommenen Beschluss eingeleitet.</p>
<p>Erst einmal schien damit der Beweis für die willensunabhängige Autonomie des Gehirns erbracht worden zu sein. Doch schnell hagelte es Grundsatzkritik. So wurde argumentiert, es handle sich nur  um einen &#8220;blutleeren Laboreffekt&#8221;, der nichts mit einer echten Willensentscheidung zu tun hätte. Die eigentliche Handlungsentscheidung sei nämlich schon in dem Moment gefallen, als sich die Versuchsperson bereit erklärt hätte, am Experiment teilzunehmen. Was da gemessen wurde, sei lediglich der &#8220;letzte Willensruck&#8221; gewesen, die unbedeutende und konsequenzlose Teilentscheidung über das genaue &#8220;Wann&#8221; des bereits vorgefassten Tuns. Ganz abgesehen davon sei es sehr schwierig, den exakten Zeitpunkt einer bewussten Entscheidung experimentell zu messen.</p>
<h3>Unaufmerksam wollen</h3>
<p><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/DSCN3513.jpg"><img class="alignleft size-thumbnail wp-image-235" title="DSCN3513" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/DSCN3513-150x150.jpg" alt="DSCN3513" width="150" height="150" /></a></p>
<p>Doch jetzt es kommt noch schlimmer. Gewissermassen unter &#8220;friendly fire&#8221; aus den eigenen Hirnforscher-Reihen geraten die Libet-Befunde nämlich durch aktuelle Untersuchungen des Experimentalpsychologen Hakwan Lau vom renommierten Wellcome Trust Functional Imaging Laboratory in London. Mit funktioneller Bildgebung hat Lau Abwandlungen der Libet-Experimente durchgeführt. Anstelle der EEG-Bereitschaftspotentiale hat er die auftretenden Hirnaktivierungsmuster untersucht. Dabei hat der Psychologe festgestellt, dass allein schon die geforderte Aufmerksamkeit, auf das &#8220;wann&#8221; der Handlungsabsicht zu achten, das Messergebnis stark beeinflusst. Je besser sich nämlich eine Versuchsperson auf die Aufgabe konzentrierte (gemessen an der Aktivität eines an Bewegungsabsicht gekoppelten Hirnareals), desto grösser war die zeitliche Kluft zwischen subjektivem Wollen und der Ausführung. Der für seine Arbeit mittlerweile mit dem William James Preis für Beiträge zur Bewusstseinsforschung geadelte Lau folgert, dass die Zeitmessungen bei Libet &#8220;problematisch&#8221; seien, weil der Vorgang des Messens selbst den Gegenstand der Messung beeinflusse. Gut denkbar also, dass es sich mit den ominösen Bereitschaftspotentialen im Normalfall des Alltags &#8211; wenn wir quasi &#8220;unaufmerksam wollen&#8221; &#8211; ganz anders verhält als unter Libets Laborbedingungen.</p>
<p>Durch die neue experimentelle Datenlage aus London dürften sich auch die Philosophen und Juristen bestätigt fühlen, die schon von Amtes wegen in die Diskussion eintreten mussten. Diese verwehren sich nämlich in erstaunlicher Einmütigkeit gegen die Vorstellung der Neurowissenschaftler, wir würden durch nicht-bewusste neuronale Steuerungsaktivitäten bestimmt und uns in einem Akt des permanenten Selbstbetrug bloss vorgaukeln, willensautonome Urheber des eigenen Handelns zu sein. Vom ungerechtfertigten Anspruch der Hirnforschung, sich zur Leitdisziplin der Humanwissenschaften aufzuspielen und mit ihren Erklärungsansprüchen nicht nur auf das Gebiet der Philosophie, sondern auch der Rechtswissenschaften und der Pädagogik auszugreifen, war in den Feuilletons der grossen Zeitungen zu lesen. Dass der biologische Reduktionismus nicht weniger dogmatisch verfahre als der Idealismus, der in allen Naturprozessen den Geist am Werke sieht, kritisierte der Philosoph Jürgen Habermas. Von Kategorienfehlern (einer Art Todsünde in der Philosophie), &#8220;erkenntnistheoretisch naivem Empirismus&#8221; und der Arroganz der Hirnforscher, sich nicht ernsthaft auf Philosophie und Geisteswissenschaften einzulassen, spricht der Freiburger Literaturwissenschaftler Gerhard Kaiser. Auch Michael Hagner, ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, geht auf Distanz zu den Schlussfolgerungen von Roth und Kollegen. Es sei &#8220;überhaupt nicht ausgemacht, ob Schuld und Verantwortung überhaupt etwas mit der Willensfreiheit zu tun haben&#8221; gibt Hagner zu bedenken und bringt ein pointiertes Beispiel: &#8220;Den Nervenzellen ist es völlig egal, ob der Irak-Krieg als berechtigt oder als unberechtigt angesehen wird. Uns Menschen als politische Wesen, den meisten jedenfalls, ist das nicht gleichgültig, und auf diesen Unterschied kommt es an.&#8221;</p>
<p>Neurobiologe Roth seinerseits will die Beweisführung der Hirnforschung nicht bloss auf die viel zitierten Libet-Experimente verkürzt sehen, dessen Schwächen er durchaus anerkennt. Vielmehr weist er darauf hin, dass die Gesamtschau der Erkenntnisse aus Neurobiologie und Handlungspsychologie zur Aufgabe des &#8220;Mythos Willensfreiheit&#8221; führen müsse. Die modernisiert mit neurowissenschaftlichen Argumenten fortgeführte Debatte der berühmten These Schopenhauers, dass der Mensch zwar &#8220;tun kann, was er will, aber nicht wollen, was er will&#8221;, wird also munter weitergehen &#8211; ob wir wollen, oder nicht.</p>
<p>© neuro culture lab</p>
<p><a href="http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/was_will_wenn_wir_wollen_1.528019.html" target="_blank">Publiziert in der NZZ am Sonntag 28:59 (15.7.2007)</a></p>
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		<title>Drogen für die Zukunft</title>
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		<pubDate>Tue, 05 Jan 2010 12:10:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Müde werden wach, Dumpfe hell, Kluge kommen länger auf Ideen – und die beste Nachricht: mit Pillen, die erträgliche Nebenwirkungen haben. Felix Hasler hat das Upgrade fürs Hirn getestet und ist überzeugt: Diese Drogen werden unser täglich Brot.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><object style="width: 550px; height: 332px;" classid="clsid:d27cdb6e-ae6d-11cf-96b8-444553540000" width="100" height="100" codebase="http://download.macromedia.com/pub/shockwave/cabs/flash/swflash.cab#version=6,0,40,0"><param name="quality" value="high" /><param name="allowFullScreen" value="true" /><param name="src" value="http://www.sf.tv/videoplayer/embed/ecdd1af9-92b2-4927-b9dd-0a746fb7ea34" /><param name="allowfullscreen" value="true" /><embed style="width: 550px; height: 332px;" type="application/x-shockwave-flash" width="100" height="100" src="http://www.sf.tv/videoplayer/embed/ecdd1af9-92b2-4927-b9dd-0a746fb7ea34" allowfullscreen="true" quality="high"></embed></object></p>
<p>Heute hab ich was genommen. Ich bin hellwach, bester Laune und kann es kaum erwarten loszulegen. Hoch motiviert und zum Äussersten entschlossen, setze ich mich an den Computer, schreibe drauflos und stelle freudig fest: weit und breit keine Spur von Schreibstau.</p>
<p>Stimmt, so was ist nicht normal. Ursache meines ungewohnten Arbeitseifers sind zwei kleine Tabletten, die ich heute mit dem Frühstückskaffee heruntergespült habe. «Modafinil» steht auf der Packung. Eigentlich wurde das Medikament für Narkolepsie-Patienten entwickelt, für Menschen also, die auch am helllichten Tag plötzlich einnicken. Doch der Wachmacher wirkt auch bei Gesunden, sofort verfliegt jedes Bedürfnis nach Schlaf. Ich bin aufmerksamer, motivierter, effizienter – einfach besser als normal.</p>
<p>Medikamente für Gesunde, Doping fürs normale Hirn: Für die Pharmaindustrie eröffnet sich ein Milliardenmarkt, den sie bisher vernachlässigt hat. Mit dem gesunden Menschen lässt sich mindestens so viel Geld machen wie mit dem kranken. Smart drugs und brain boosters sollen unsere Leistung steigern und die Laune bessern, uns konzentrierter, wacher, schlauer machen.</p>
<p>Das neue Angebot an mentalen Kosmetika muss sich seine Nachfrage nicht lange suchen. Überfordert vom hoch getakteten Arbeitsalltag und überrollt von einer kaum mehr zu bewältigenden Informationsflut, sehnt sich das ermüdete Hirn nach dem Beistand pharmakologischer Helfer. Gar eine psychopharmakologische Revolution sieht das britische Office of Science and Technology auf uns zukommen. Die renommierte Denkfabrik, die auf wissenschaftlicher Grundlage gesellschaftsrelevante Entwicklungen abschätzt, hat sich unlängst im Auftrag der britischen Regierung mit der Zukunft der Hirnmedikamente beschäftigt. Sir David King, Projektleiter der Studie, wagt im Schlussbericht eine unbritisch verwegene Prophezeiung: «Wir stehen unmittelbar vor Entwicklungen, welche uns möglicherweise in eine Welt führen, in der wir Drogen nehmen, die uns helfen, zu lernen, schneller zu denken, zu entspannen, wirksamer zu schlafen oder sogar unsere Stimmung der unserer Freunde anzupassen.»</p>
<h3>Mutter Natur hat uns betrogen</h3>
<p>Tatsächlich hat diese Zukunft längst begonnen. Nach einer Studie, die das Fachmagazin Addiction veröffentlichte, haben an amerikanischen Colleges bereits sieben Prozent der Studenten zu verschreibungspflichtigen Stimulanzien wie Ritalin gegriffen, um ihre Leistung zu steigern. An einem College putschte sich gar ein Viertel der Studenten mit amphetaminartigen Substanzen für die Prüfung auf. Denn diese Tabletten machen nicht nur zappelige Kinder ruhiger und aufmerksamer, sie helfen auch den ganz normalen Studenten, sich besser zu konzentrieren.</p>
<p>An die Dopingmittel fürs Hirn heranzukommen, ist nicht schwer: Studenten mit echter Hyperaktivität geben gegen Bares gern etwas von ihrer Ritalin-Ration ab. Naheliegend darum die Frage, wie denn Schulen und Universitäten mit der steigenden Beliebtheit des pharmakologischen Hirn-Tunings umgehen sollen. Verbieten und Dopingkontrollen einführen, Pinkeltests vor der Prüfung? In den USA fordern das bereits einige Experten. Oder sollte man minderbegabte Schüler sogar gezielt mit den smart drugs fördern? Tatsächlich wurde schon vorgeschlagen, dass professionelle «Neuroedukatoren» auf «sensible und ethische Weise die Einführung der neurowissenschaftlichen Fortschritte ins Unterrichtswesen lenken».</p>
<p>Auch der prominente Neurowissenschaftler <a href="http://www.psych.ucsb.edu/~gazzanig/" target="_blank">Michael Gazzaniga</a>, Autor des Buchs «<a href="http://www.amazon.com/Ethical-Brain-Michael-S-Gazzaniga/dp/1932594019" target="_blank">The Ethical Brain</a>», mag im gezielten Einsatz von Pharmaka für den Leistungskick auf der Schulbank keine Unlauterkeit erkennen. Ganz im Gegenteil: «Auf eine gewisse Art wurden wir von Mutter Natur betrogen, wenn wir kein überlegenes Denkorgan mitbekommen haben. Mit unserer eigenen Erfindungsgabe zurückzumogeln, scheint eine gescheite Sache zu sein. Meiner Meinung nach ist das genau das, was wir tun sollten.»</p>
<h3>Alles super, aber</h3>
<p>Die Pharmaindustrie hat das Potenzial erkannt. Mit Hochdruck entwickelt sie alltagstaugliche Psychopharmaka zur Steigerung der Hirnleistung. Modafinil ist ein Ergebnis dieser Forschungen. Die Muntermacher sind seit mehreren Jahren ein internationaler Verkaufsrenner, und seit meinem heutigen Selbstversuch mit 200 Milligramm Modasomil – so der Markenname in der Schweiz – ist mir auch völlig klar, warum.</p>
<p>Die unscheinbaren Tabletten machen genau das, was man von ihnen erwartet: wach. Zudem fördern sie die Konzentration und liefern den notorisch fehlenden Motivationsschub. Erstaunlicherweise fühlt sich das durchaus natürlich an – etwa so, wie wenn man einen dieser seltenen richtig guten Tage erwischt hat. Keine Spur von der unangenehmen Getriebenheit und hektischen Unruhe, die Amphetamine mit sich bringen, oder dem nervösen Gezittere nach ein paar Tassen Kaffee zu viel. Modafinil führt noch nicht einmal zu nennenswerten Appetit- oder Einschlafproblemen. Soweit man bisher weiss, macht das Mittel nicht süchtig und führt nicht zu einer Toleranzbildung, die einen zur Einnahme immer höherer Dosen zwingt.</p>
<p>Kaum Nebenwirkungen also – das sei etwas qualitativ ganz Neues, sagt die Pharmakologin <a href="http://www.neuroscience.cam.ac.uk/directory/profile.php?barbara" target="_blank">Barbara Sahakian</a> von der University of Cambridge. Seit Jahren untersucht sie die neuropsychologische Wirkung von Leistungssteigerern fürs Hirn: «Bis vor kurzem hatten psychotrope Medikamente signifikante Risiken und waren deshalb nur attraktiv, wenn der Nutzen für den Patienten noch grösser als die Risiken eingeschätzt wurde.» Jetzt allerdings werde es möglich, die Kognition mit minimalen Nebenwirkungen pharmakologisch aufzubessern.</p>
<p>Eine gewisse Vorsicht scheint dennoch angebracht. Nicht zuletzt deshalb, weil die Wirkungsweise von Modafinil alles andere als verstanden ist. «Niemand weiss wirklich, wie es funktioniert», gibt Sahakian zu bedenken. Klar ist bisher lediglich, dass Modafinil in einem komplizierten, mehrstufigen Prozess die wachheitsfördernden Histaminneurone im Hypothalamus enthemmt.</p>
<p>Auch die Neurowissenschaftlerin <a href="http://www.psych.upenn.edu/~mfarah/" target="_blank">Martha Farah</a> von der University of Pennsylvania hat Einwände: «Bei keinem Medikament, ob für Therapie oder Tuning, können wir uns ganz sicher sein, dass nicht subtile, seltene oder langfristige Nebenwirkungen auftreten.» Definitiv geschadet hat Modafinil schon mal der Karriere der US-amerikanischen Sprinterin Kelly White – sie wurde 2003 mit Modafinil-Abbauprodukten im Urin erwischt und vom Internationalen Leichtathletikverband für zwei Jahre gesperrt.</p>
<p>Da Dopingkontrollen im Journalismus noch nicht üblich sind, kann ich zuversichtlich sein, mit meinem Selbstversuch ungestraft davonzukommen. So richtig erlaubt ist meine effizienzsteigernde Massnahme allerdings nicht: Es handelt sich um einen klassischen Fall von off-label-Gebrauch – der Verwendung eines Medikaments ausserhalb der gesundheitsbehördlichen Zulassung. Schliesslich bin ich kein Narkoleptiker, der seine Schlafattacken kurieren will.</p>
<p>Off-Label-Gebrauch von Medikamenten ist jedoch nichts Ungewöhnliches. So werden sicher nicht alle der zu Millionen verkauften Viagra-Tabletten zur behördlich genehmigten Versteifung bei diagnostizierter «erektiler Dysfunktion des Mannes» eingenommen. Genauso unwahrscheinlich ist, dass der Modafinil-Hersteller Cephalon den Rekordumsatz seines Blockbusters im Geschäftsjahr 2005 – 513 Millionen Dollar – allein mit der behördlich abgesegneten Versorgung von Tagesschläfrigen erwirtschaftet hat.</p>
<p>Es drängt sich die Frage auf, wer in Zukunft Zugang zu den neuen kognitiven Stimulanzien haben soll und wie sich dieser Zugang regulieren liesse. Das Militär vertraut schon lange auf kognitionsverbessernde Psychopharmaka. Im Zweiten Weltkrieg putschten sich amerikanische Soldaten noch mit Amphetaminen (go pills) auf, die aber nicht selten psychotisch und abhängig machten. Modafinil scheint da vorteilhafter zu sein. Amerikanische Militärpiloten sollen auf ihren Einsätzen im Irak schon routinemässig mit dem Wachmacher gedopt sein.</p>
<p>Doch was ist mit Zivilisten, die in ihrem Beruf äusserst wach und konzentriert sein müssen, zum Beispiel Tankerkapitäne? Hätte die Havarie des Öltankers «Exxon Valdez» 1989 und damit eine der grössten Umweltkatastrophen der Seefahrt per Stimulanziengabe verhindert werden können? Und wäre die Luftfahrttragödie von Überlingen nicht passiert, wenn Skyguide ihre Fluglotsen bei Nachtschichten mit Modafinil versorgt hätte? Menschliches Fehlverhalten aufgrund von Übermüdung kann fatale Folgen haben. Wäre es nicht ethischer, alle Berufsgruppen mit Fremdgefährdungspotenzial schon vorsorglich mit Wachmachern fit zu dopen?</p>
<p>Aber wo ist die Grenze? Firmenchefs könnten auf die Idee kommen, auch ganz normale Arbeiter pharmakologisch zu tunen, um die Effizienz ihrer Unternehmen zu steigern: 36- Stunden-Schichten, kein Problem dank Modafinil? Die Neurowissenschaftlerin und Bioethikerin <a href="http://www.psych.upenn.edu/~mfarah/" target="_blank">Martha Farah</a> schliesst nicht aus, dass Hirndoping eines Tages zwangsverordnet wird: «Was, wenn die Sicherung des Arbeitsplatzes davon abhängt, der Anwendung neurokognitiver Verbesserungsmethoden zuzustimmen?»</p>
<h3>Vergessen war gestern</h3>
<p>Und es wird nicht bei Konzentrationshilfen und Wachmachern bleiben. Die Pharmalabors nehmen sich immer neue Bereiche der kognitiven Leistungsfähigkeit vor. Cortex Pharmaceuticals bastelt beispielsweise an einem Mittel, das das Denken beschleunigen soll, uns also regelrecht schlauer machen könnte. Ampakine sollen die Signalübertragung zwischen Nervenzellen im Stirnhirn erleichtern, die Substanzen CX717 und CX516 werden bereits getestet. Auch der Markenname steht schon fest: «Ampalex» soll die Hochgeschwindigkeitspille fürs Hirn heissen.</p>
<p>Die neuste Entwicklung der Psychopharmakologen ist ebenfalls noch in der Testphase: die Pille gegen das Vergessen. Eine der Firmen, die an der chemischen Merkhilfe arbeiten, gehört <a href="http://en.wikipedia.org/wiki/Eric_Kandel" target="_blank">Eric Kandel</a>. Der Hirnforscher erhielt im Jahr 2000 den Nobelpreis für die Erforschung der molekularen Strukturen des Gedächtnisses. Mäusen hat er mit der Merkpille MEM 1414, welche das Wachstum der Synapsen im Hirn ankurbelt, schon zu einem verjüngten Gedächtnis verholfen.</p>
<p>Offiziell arbeiten die Forscher an dem Mittel, um die normale Vergesslichkeit im Alter zu bekämpfen. Die überalternde Gesellschaft in den industrialisierten Ländern mit ihrer zunehmenden Zahl von Demenzerkrankungen ist ein riesiger Zukunftsmarkt.</p>
<p>Im Jahr 2004 litten weltweit 18 Millionen Menschen an Demenzerkrankungen. Epidemiologen des britischen «Foresight»-Projekts gehen davon aus, dass im Jahr 2025 bereits 34 Millionen Demenzerkrankte zu erwarten sind, von denen 71 Prozent in den industrialisierten Ländern leben. (Was impliziert, dass sich ein Grossteil der Erkrankten die teuren neuen Medikamente auch wird leisten können.) Und die Behörden dürften die Pille gegen das Vergessen für Alte und Demente ohne Probleme zulassen.</p>
<p>Kein Risiko also für die Pharmaindustrie, dafür grosse Chancen auf zusätzlichen Umsatz: Denn auch die Merkpille hat das Zeug zum mentalen Muntermacher für jedermann. Schnell noch vor der Prüfung ein Buch reinziehen und zuverlässig abspeichern, flugs Vokabeln eintrichtern oder den Vortrag fix hochladen – wer träumt nicht davon? In ein paar Jahren könnte das Szenario Wirklichkeit werden, dann wird, meint Kandel, die Gedächtnispille auf dem Markt sein.</p>
<h3>Der Fluch der Erinnerung</h3>
<p>Doch ist es erstrebenswert, all die neuen Möglichkeiten bis zum Äussersten zu nutzen? Besser als normal zu sein, darin kann auch ein Fluch liegen. So werden Menschen mit fotografischem Gedächtnis ihre Erinnerungen oft nicht los, auch wenn sie sich nichts sehnlicher wünschen, weil ihr Hirn schier überquillt. Dieses Schicksal könnte auch dem hirngedopten Normalmenschen drohen, meint die Pharmakologin <a href="http://www.neuroscience.cam.ac.uk/directory/profile.php?barbara" target="_blank">Barbara Sahakian</a>: «Eines Tages könnten wir von Erinnerungen belastet werden, die wir eigentlich gar nicht wollen. Aber da wir dauernd pharmakologisch getunt sind, müssen wir uns einfach alles merken.»</p>
<p>Ich auf jeden Fall bin schon wieder ganz der Alte. Am Tag nach meinem Selbstversuch ist alles wie immer. Minutenlang blinkt das Cursorzeichen auf meinem Bildschirm nervig vor sich hin und wartet vergeblich darauf, dass ich einen halbwegs gescheiten Satz eingebe. Es ist also wahr – Modafinil hat auch keine Nachwirkungen.</p>
<p>© neuro culture lab</p>
<div id="attachment_190" class="wp-caption alignnone" style="width: 560px"><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/01/sternstunden2.jpg"><img class="size-full wp-image-190  " title="Hirndoping, SF Schweizer Fernsehen, Sternstunde Religion" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/01/sternstunden2.jpg" alt="Hirndoping" width="550" height="307" /></a><p class="wp-caption-text">Hirndoping, SF Schweizer Fernsehen, Sternstunde Religion, 01.01.2010</p></div>
<h4>Ausgestrahlt bzw publiziert:</h4>
<ul>
<li><a href="http://videoportal.sf.tv/video?id=ecdd1af9-92b2-4927-b9dd-0a746fb7ea34" target="_blank">Hirndoping &#8211; Judith Hardegger im Gespräch mit Thomas Metzinger und Felix Hasler, SF Schweizer Fernsehen, Sternstunde Religion, 01.01.2010</a></li>
<li><a href="http://www.weltwoche.ch/weiche/artikel-fuer-abonnenten.html?hidID=519110">Kopf hoch, Leute, Weltwoche 28/2006</a></li>
</ul>
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		<title>Neuromythologie</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Nov 2009 21:13:16 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Wieder einmal ist George Bush Schuld. Ausnahmsweise nicht der Sohn, sondern der Vater: „Ich, George Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erkläre hiermit die am 1. Januar 1990 beginnende Dekade zur Dekade des Gehirns.“ Mit dieser präsidialen Proklamation und den entsprechenden Budgets und Forschungsprogrammen hat Bush Senior den Startschuss zum beispiellosen Siegeszug der Neurowissenschaften gegeben...]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_385" class="wp-caption aligncenter" style="width: 559px"><a href="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/ncl-im-nuklearmedizinischen-labor.jpg"><img class="size-full wp-image-385" title="NCL im nuklearmedizinischen Labor" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/ncl-im-nuklearmedizinischen-labor.jpg" alt="Das Team von Neuro Culture Lab im Nuklearmedizinischen Labor - Felix Hasler (l), Nenad Brcic (r)" width="549" height="366" /></a><p class="wp-caption-text">Das Team von Neuro Culture Lab im Nuklearmedizinischen Labor - Felix Hasler (l), Nenad Brcic (r)</p></div>
<p>Wieder einmal ist George Bush Schuld. Ausnahmsweise nicht der Sohn, sondern der Vater: „Ich, George Bush, Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, erkläre hiermit die am 1. Januar 1990 beginnende Dekade zur Dekade des Gehirns.“ Mit dieser präsidialen Proklamation und den entsprechenden Budgets und Forschungsprogrammen hat Bush Senior den Startschuss zum beispiellosen Siegeszug der Neurowissenschaften gegeben. Mit der unvorhergesehenen Nebenwirkung, dass heute kaum mehr ein artfremdes Wissensgebiet vor der Invasion durch die Hirnforschung sicher ist.</p>
<h3>Neuroinflation</h3>
<p>Tatsächlich scheint es fast keine Forschungsdisziplin mehr zu geben, die sich nicht mit der Vorsilbe „Neuro-„ modernisieren und mit der Aura vermeintlicher experimenteller Beweisbarkeit veredeln liesse. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit sind knapp zwanzig Jahre nach Bushs Aufruf zu vermelden: Neurophilosophie, Neurotheologie, Neuroethik, Neuroökonomie und Neuromarketing sowie die sozialen Neurowissenschaften. Wer es als Forscher gerne richtig exotisch hat, für den gäbe es noch Neuroästhetik, Neuropsychoanalyse oder Neuroedukation. Dabei reklamiert jedes der neuen Fächer seine Existenzberechtigung per Verweis darauf, die ursprünglichen Disziplinen mit den „neuesten Erkenntnissen aus der Hirnforschung“ zu reformieren.</p>
<h3>Ich, der Bioautomat</h3>
<p>Der in den Medien omnipräsente Neurohype führt zu einer Durchdringung unserer Lebenswelt mit neurobiologischen Erklärungsmodellen. Was wiederum unser Selbstbild verändert &#8211; die eigene Vorstellung davon, was wir dem Wesen nach eigentlich sind. Wer im einundzwanzigsten Jahrhundert noch ernsthaft an die autonome Existenz einer Seele glaubt oder sich nur schon als Geist-Gehirn-Dualist outet, riskiert als hoffnungslos reaktionär und unaufgeklärt zu gelten. Auf dem Weg in die Moderne gilt es allerdings erst einmal die Entwicklung vom intuitiv gefühlten Dualisten zum wissenschaftlich informierten und daher zum biologischen Materialismus konvertierten Menschen zu vollziehen. Zähneknirschend haben sich mittlerweile schon Viele von den veralteten Vorstellungen von autonomem Geist und freiem Willen verabschiedet. Immerhin &#8211; auch als evolutionsgesteuerter Bioautomat ohne tieferen Sinn und Zweck lässt es sich im Alltag ganz gut leben. Und mit der konsequenten Umsetzung im Alltag hapert es ohnehin. Unwahrscheinlich schliesslich, dass wir eines Tages sagen werden: „Boah, mein Gyrus fusiformis ist heute wieder mal mies durchblutet, ich hätte ja vorhin meinen Nachbarn fast nicht erkannt“.</p>
<p>Die voranschreitende Neurologisierung der Gesellschaft ist auch auf dem Radar der Sozialforscher aufgetaucht. So fand vor kurzem am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte ein Workshop mit dem Titel „Neurocultures“ statt. Renommierte Wissenschaftler haben dort die zunehmende Identifikation des Menschen mit seinem Hirn diskutiert. Der britische Soziologe Nikolas Rose spricht bereits von „neurochemischen Selbsten“ und der Historiker Fernando Vidal sieht uns als „zerebrale Subjekte“. Und dann wäre da noch der „Homo cerebralis“, den Michael Hagner, ETH-Professor für Wissenschaftsforschung, als neue Spezies am gesellschaftlichen Horizont erscheinen sieht.</p>
<h3>Bin ich mein Gehirn?</h3>
<p>All diesen Bezeichnungen gemeinsam ist die Sichtweise, dass wir gerade dabei sind, uns auf die Funktionsweise eines einzigen Körperorgans – unseres Gehirns – zu reduzieren: Wir sind unser Gehirn. Alles, was uns beschäftigt, erfreut oder ärgert, letztlich jede Erlebnisqualität ist irgendwo in unserem Hirn verdrahtet. Das ist erst einmal trivial und wirklich keine neue Erkenntnis. Neu ist allerdings die Vorstellung, dass sich auch komplexe Bewusstseinsvorgänge wie Liebe, ethische Entscheidung oder ästhetischer Genuss direkt im Hirn nachweisen lassen sollen. Ob wir SVP oder Die Grünen wählen, an Gott glauben, uns dauernd oder nie verlieben oder gar tief in uns ein Kettensägen schwingendes Monster schlummert – alles habe seine neuronalen Korrelate im Gehirn, die sich im Prinzip auch nachweisen lassen. Soweit die verbreitete Lehrmeinung. Und laut schlägt die Stunde der Bildgebenden Verfahren.</p>
<p>Etwa zeitgleich mit der Ausrufung der „Dekade des Gehirns“ wurden die funktionelle Magnetresonanz (fMRT) und verschiedene nuklearmedizinische Tomographie-Verfahren verfügbar. Diese Neuroimaging Methoden machen es den Forschern heute überhaupt erst möglich, den Blick ins akut glaubende, liebende oder hoffende Hirn zu versuchen. Oder nach den neuronalen Spuren jahrzehntelanger Meditation oder einer psychopathischen Persönlichkeitsstruktur zu fahnden. Ursprünglich entwickelt wurden diese Messtechniken allerdings für andere Anwendungen, nämlich ganz bescheiden für hirnanatomische und funktionelle Studien. Und genau zu diesem Zweck waren und sind Magnetresonanz und Co. auch erfolgreichen im Einsatz: Grundlegende Hirnleistungen wie etwa Bewegungssteuerung oder Wahrnehmung lassen sich damit ziemlich präzise charakterisieren. Der Sprung von der neuroanatomischen Grundlagenforschung hin zur Identifizierung der Biologie komplexer psychischer Vorgänge wie spirituellem Erleben oder gar sozial geprägtem ökonomischem Verhalten scheint nun Vielen etwas gar gross geraten zu sein.</p>
<h3>Gefährlich bunte Bilder</h3>
<p>In Fachkreisen wird nicht bloss allgemeine Grundsatzkritik geübt, etwa dass das Gehirn nicht als anatomisch-funktionelles Organ losgelöst von jeder kulturellen Wechselwirkung in ein Labor gezerrt und dort adäquat untersucht werden kann. Massive Probleme liegen in den Bildgebenden Methoden selbst. Komplexe geistige Funktionen sind nämlich gar nicht an bestimmten Orten im Gehirn fest verankert. Von dieser Vorstellung ist man eigentlich schon in den achtziger Jahren abgerückt. Es scheint vielmehr so zu sein, dass fluktuierende neuronale Netzwerke in einem komplexen dynamischen Zusammenspiel aus gegenseitiger Aktivierung und Hemmung unser bewusstes Erleben ermöglichen. Und gerade die so wichtige zeitliche Auflösung ist beim Neuroimaging mehr als bescheiden. In Fachkreisen hagelt es auch jede Menge Kritik an den angewandten statistischen Methoden. So wird bemängelt, dass viele Bildgebungsstudien ohne jede Ausgangshypothese gemacht werden. Auf die erhobenen Messdaten werden später die verschiedensten statistischen Verfahren angewandt, bis man irgendwo Signifikanzen entdeckt, so die Kritik. Dann wird deren Effektstärke berichtet und im Nachhinein nach einer Erklärung gesucht, warum gerade hier und dort im Gehirn eine Aktivierung zu finden ist. Kurz gesagt: einfach mal im Trüben fischen und dann so tun, als hätte man von Anfang an gewusst, wonach man (natürlich erfolgreich) sucht. Bereits als Klassiker kann das unter Statistikern beliebte Gleichnis mit dem texanischen Scharfschützen gelten. Man stelle sich vor, ein Revolverheld ballere wahllos auf ein Scheunentor. Dann zeichnet er die Zielscheibe um jene Einschusslöcher, die nahe beieinander liegen. Ein paar Volltreffer sind dem Schützen somit sicher. Ähnlich verhalte es sich mit dem Aufspüren von Korrelationen bei gewissen fMRT-Experimenten, so die Kritiker. Allein schon aufgrund ihrer Erscheinungsform entwickeln die bunten Tomographiebilder die gefährliche Suggestivkraft einer wahrheitsgetreuen Abbildung. Dabei sollte man nicht vergessen, dass es sich eben nicht um eine Art unscharfes Foto handelt, sondern nur um computergenerierte und ansehnlich fürs Auge aufbereitete statistisch-parametrische Berechnungen. Und schon geringe Änderungen der Ausgangsparameter können das Ergebnis dramatisch beeinflussen.</p>
<h3>Der Neuro-Zug rollt</h3>
<p>Es erstaunt somit nicht, dass kritische Neurowissenschaftler selbst zunehmend gereizter reagieren angesichts der überambitionierten Bildgebungsstudien ihrer Kollegen und den immer neuen Sensationsmeldungen aus den Neuro-Bindestrich-Wissenschaften. In einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung ärgert sich Lutz Jäncke, Neuropsychologe an der Universität Zürich: „Es wird zu viel versprochen, zu schnell Sensationelles verkündet, und vor allem wollen zu viele auf den Neuro-Zug aufspringen und ein wenig vom vermeintlichen Glanz abbekommen.“ Der Professor erkennt „eine metastatisch ausufernde Flut von fragwürdigen und wissenschaftlich kaum noch zu verantwortenden „Befunden“ aus dem Bereich der vermeintlichen Hirnforschung“ und plädiert für „etwas mehr Demut in Umgang mit dem Gehirn und vor allem mit neurowissenschaftlichen Befunden.“</p>
<h3>Hirnüberschätzungs-Syndrom</h3>
<p>Nicht ohne Sarkasmus glaubt der amerikanische Psychologe und Rechtsprofessor Stephen J. Morse mit dem „Hirnüberschätzungs-Syndrom“ eine neue „kognitive Krankheit“ entdeckt zu haben. Diese soll „häufig diejenigen befallen, die sich durch die faszinierenden neuen Entdeckungen in den Neurowissenschaften begeistern lassen“. Morse gibt zu bedenken, dass wir „noch immer elend wenig darüber wissen, wie das Gehirn geistige Prozesse ermöglicht, und speziell darüber, wie Bewusstsein und Intentionalität aus dem komplizierten Brocken Materie namens „Gehirn“ entsteht.“ Der kauzige Wissenschaftler identifiziert Neuroimaging-Studien als „stärksten Krankheitserreger zur Erzeugung des Hirnüberschätzungs-Syndroms“, welches seiner Meinung nach „im Endstadium dazu führt, Behauptungen über die Beziehung von Gehirn und Verantwortlichkeit zu machen, die weder logisch noch empirisch haltbar sind.“</p>
<h3>Riskante Gehirne</h3>
<p>Morses „Hirnüberschätzungs-Syndrom“ verdeutlicht den weltanschaulichen Kulturkampf, wie er gegenwärtig insbesondere unter Rechtswissenschaftlern geführt wird. Schon aufgrund der praktischen Relevanz spitzt sich in der Rechtsprechung die Diskussion über die Biologisierung des Subjekts zu. Der alte Streit über echte Willens- und Handlungsfreiheit eines Täters und die daraus abzuleitende Reform des Strafgesetzes hat sich glücklicherweise etwas beruhigt. Was bleibt ist die Frage, wie in der Ära der Neurobiologie mit riskanten Gehirnen umzugehen ist. Prävention ist das Gebot der Stunde und Soziologe Nikolas Rose diskutiert schon den Wandel von Foucaults „Überwachen und Strafen“ als klassische regulatorische Maxime der Gesellschaft hin zum „screen and intervene“. In der forensischen Psychiatrie wird längst nach biologischen Risikoindikatoren für kriminelles Verhalten gesucht. Gelingt es, neurochemische Anomalien zu identifizieren, die zu gestörter Impulskontrolle und Aggressivität führen ? Mittels Gentests und Bildgebenden Verfahren hofft man, Anzeichen beispielsweise einer asozialen Persönlichkeitsstörung schon lange vor einer Straftat zu erkennen. Um dann den verhinderten Straftäter wahlweise zu therapieren oder wenigstens zu überwachen. Vielen Strafrechtlern ist bei dieser Vorstellung äusserst unwohl. Manch einer fühlt sich gar an die längst überwunden geglaubte Zeit der forensischen Phrenologie des neunzehnten Jahrhunderts erinnert. (In seinem 1876 veröffentlichten Werk L’uomo delinquente stellte der italienische Arzt Cesare Lombroso unter allgemeinem Beifall seine berüchtigte Lehre vom „geborenen Verbrecher“ dar.)</p>
<h3>Neuroskepsis statt Neurospekulation</h3>
<p>Nein, man wird nicht schon bald dem Menschen beim Denken zusehen können. Nein, auch die biologische Früherkennung einer geradewegs in die Kriminalität führenden Persönlichkeit wird nicht möglich sein. In den Neurowissenschaften herrscht gerade ein gewaltiges Durcheinander von Fakten und Fiktionen. Interessanterweise könnte die Therapie des „Hirnüberschätzungs-Syndroms“ nun sogar aus den eigenen Reihen kommen. Die vor kurzem gegründete Disziplin der „kritischen Neurowissenschaften“ hat Brachial-Reduktionismus und Neurospekulation nämlich bereits den Krieg erklärt. Mit etwas Glück bleiben uns so wenigstens Neuroarchitektur und Neurojournalismus erspart.</p>
<p>© neuro culture lab</p>
<p><a href="http://mediathek.mpiwg-berlin.mpg.de/mediathekPublic/neurocultures/Speeches.html">Link zum Neurocultures Workshop (MPIWG-Mediathek)</a></p>
<h4>Publiziert in:</h4>
<p>DAS MAGAZIN, 2009-43</p>
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		<title>iGod</title>
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		<pubDate>Thu, 26 Nov 2009 00:02:49 +0000</pubDate>
		<dc:creator>admin</dc:creator>
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		<description><![CDATA[Hirnforscher haben Techniken entwickelt, die Menschen Gott spüren lassen – und selbst Atheisten kommen ins Schwärmen. Schwachsinn? Es ist ein Helm, der schmerzlos zu dieser übermenschlichen Erfahrung führt. Und zu der Frage: Kommt nach dem iPod der iGod?]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<div id="attachment_390" class="wp-caption aligncenter" style="width: 559px"><img class="size-full wp-image-390" title="iGod" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/wewo-igod1.jpg" alt="Titelbild zum Leitartikel in der Weltwoche 50/05" width="549" height="366" /><p class="wp-caption-text">Titelbild zum Leitartikel in der Weltwoche 50/05</p></div>

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<h3>Ein Gefühl, schöner als Glück</h3>
<p>Hirnforscher haben Techniken entwickelt, die Menschen Gott spüren lassen – und selbst Atheisten kommen ins Schwärmen. Schwachsinn? Es ist ein Helm, der schmerzlos zu dieser übermenschlichen Erfahrung führt. Und zu der Frage: Kommt nach dem iPod der iGod?</p>
<p>Machen wir es kurz: Gott sitzt in den Schläfenlappen. Und wenn diese im elektrischen Gewitter eines epileptischen Anfalls wild herumzuckeln, haben Menschen ihre religiösen Visionen und mystischen Erfahrungen. Derart Erleuchtete gründen dann im schlimmsten Fall eine Religion, die sie mit heiligem Eifer und ohne Rücksicht auf Verluste verteidigen. Etwa so sieht es zumindest der kanadische Neuropsychologe Michael Persinger von der Laurentian University in Ontario. Und seine Annahme, dass es sich bei religiös-mystischem Erleben um nichts anderes als &#8220;selbstinduzierte, kontrollierte Formen epileptischer Mikroanfälle in den Schläfenlappen&#8221; handelt, will er durch eigene experimentelle Daten belegt sehen.</p>
<h3>Mit dem Thomas Puls in die Metaphysik</h3>
<p>Schon seit langem untersucht der Hirnforscher die Auswirkungen schwacher, aber komplex variierter Magnetfelder auf das Gehirn und damit auf die innere Erfahrungswelt des Menschen. Zwecks gezielter Manipulation des Denkorgans werden den Versuchspersonen Magnetspulen direkt auf dem Schädel positioniert. Ein Mitarbeiter Persingers namens Alex Thomas war es, der auf dem Computer das entscheidende Muster elektromagnetischer Pulse für den grossen mystischen Durchbruch programmiert hatte. Werden die Versuchspersonen im schallisolierten Raum mit verbundenen Augen lange genug dem &#8220;Thomas Puls&#8221; ausgesetzt, geschieht bei über achtzig Prozent der Probanden ganz und gar Erstaunliches. Sie erleben ein intensives Präsenzgefühl: Irgend jemand oder irgend etwas Machtvolles befindet sich mit ihnen im gleichen Raum. Je nach religiöser Überzeugung und kulturellem Hintergrund der Versuchspersonen wird von einer &#8220;höheren Wirklichkeit&#8221; oder gar der expliziten Gegenwart von Jesus, Mohammed oder Buddha berichtet. Diese Erfahrungen werden regelmässig mit tiefen, ja heiligen Gefühlen erlebt. Auch Skeptiker und erklärte Atheisten haben nach der Persinger-Behandlung solch ungewöhnliche Entgrenzungserlebnisse, vergleichen diese aber eher &#8211; so sich Entsprechendes in der persönlichen Biographie findet &#8211; mit psychedelischen Drogentrips.</p>
<p>Und wie eine halluzinogene Drogenreise kann auch das elektromagnetische Zappen der Schläfenlappen schon mal ins Auge gehen. Anstelle harmonisierend wirkender Engelsvisionen gibt sich dann der Leibhaftige die Ehre und zeigt seine dämonische Fratze. Vielleicht bekommt man es aber auch plötzlich mit seelenlosen Mutanten zu tun. Ein fünfundzwanzigjähriger Mann schildert seinen bad trip in Persingers Kellerlabor: &#8220;Ich sah einen schwarzen Fleck, der zu einer Art Trichter wurde. Ich fühlte, wie ich mich bewegte, als ob ich vorwärts durchgezogen würde. Ich begann die Anwesenheit von Personen zu spüren, aber ich konnte sie nicht sehen; sie befanden sich zu meinen Seiten. Es waren farblose, grau aussehende Wesen. Ich wusste, dass ich in der Kammer war, aber es war sehr real. Plötzlich empfand ich starke Angst und fühlte mich eiskalt.&#8221;</p>
<p>Persingers Experimentierraum im Untergeschoss der Universität ist der Alptraum jedes Innenarchitekten. Die paar herumstehenden Möbel wirken wie frisch vom Sperrmüll und die veralteten Computer würde auch bei Ebay keiner wollen. Allzu deutlich ist dem abgewetzten Stuhl im fensterlosen &#8220;Himmel und Hölle&#8221;-Raum C002B des Institutskellers anzusehen, dass darauf in den letzten zwanzig Jahren über tausend Versuchspersonen mit Magnetspulen auf höhere spirituelle Ebenen katapultiert wurden. Auf den ersten Blick ganz unscheinbar auch das alles entscheidende Equipment: Der ominöse &#8220;Koren Helm&#8221; &#8211; ein umgebauter 70er-Jahre Motorradhelm &#8211; sieht aus wie die noch nicht ganz beendete Bastelarbeit aus dem Freizeitkeller eines ambitionierten Hobbyelektronikers. Umso eindrücklicher, dass sich in diesem so ganz und gar unesoterischen Umfeld das &#8220;Göttliche&#8221; offensichtlich per Mausklick erleben lässt.</p>
<h3>Gott, ein &#8220;kognitives Virus&#8221;?</h3>
<div id="attachment_392" class="wp-caption aligncenter" style="width: 559px"><img class="size-full wp-image-392" title="Dezember 2001, Salvador da Bahia, Brasilien" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2009/11/2001-49-7-new.jpg" alt="Gottesdienst in der Igreja Pentecostal Deus é Amor" width="549" height="366" /><p class="wp-caption-text">Gottesdienst in der Igreja Pentecostal Deus é Amor</p></div>
<p><span style="font-weight: normal;">Es ist auch unschwer nachzuvollziehen, dass sich der Neuropsychologe Persinger zu Beginn seiner biotheologischen Untersuchungen regelmässig mit Aufmärschen fundamental christlicher Gruppen konfrontiert sah, die gegen die &#8220;dämonischen Experimente&#8221; protestierten. Tatsächlich hält der bekennende Atheist Gott für ein Artefakt des Gehirns, beziehungsweise gar für ein &#8220;kognitives Virus&#8221;. Persinger liefert gewissermassen eine modernisiert neurobiologische Sichtweise der Deutung Sigmund Freuds, dass Religiosität eine &#8220;universelle Zwangsneurose&#8221; darstelle &#8211; gemäss dem Übervater der Psychoanalyse nicht mehr als ein Verharren in einer unreifen kindlichen Erwartungshaltung gegenüber einem übermächtigen Wesen. Religion als Bewältigungsstrategie, um mit dem Ausgeliefertsein in einer sinnlos erlebten Welt und der Unabwendbarkeit der eigenen Sterblichkeit zu Gange zu kommen. Biotheologe Persinger ist überzeugt, dass Gott reine Nervensache ist und nur aufgrund spezifischer neuronaler Abläufe im Gehirn entsteht. Letztendlich versucht Persinger mit Physik zu erreichen, wozu Nietzsche noch die Philosophie bemühte: Gott zu töten.</span></p>
<p>Dass er damit genau so wenig Erfolg haben wird, kann als sicher gelten. Der gegenwärtige Boom immer neuer charismatischer und pfingstkirchlicher Gruppierungen in Afrika und Lateinamerika ist seit Jahren ungebrochen. Hat nicht erst diesen Sommer ein einigermassen überraschtes Fernsehpublikum anlässlich des Confederation Cup Finals mitverfolgen können, dass die halbe Brasilianische Fussball-Nationalmannschaft unter dem grün-gelben Trikot auch noch ein &#8220;Jesus liebt Dich&#8221; T-Shirt trägt? Selbst an der renommierten Biennale in Venedig kam es zu einer eindrücklichen Machtdemonstration christlicher Kreise. Der massive Protest empörter Katholiken hat zum vorzeitigen Absetzen des Videofreskos &#8220;Homo sapiens sapiens&#8221; der Schweizer Künstlerin Pipilotti Rist geführt. Ihre freizügige (und adamlose) Sichtweise des himmlischen Paradieses, grossflächig projiziert auf das Deckengewölbe der Barock-Kirche San Staë, hatte die religiösen Gefühle zu Vieler verletzt. Auch in den USA &#8211; bekanntermassen evangelikal bis ganz zu oberst im Weissen Haus &#8211; entstehen unaufhaltsam neue Freikirchen und einflussreiche &#8220;faith based movements&#8221;. Letztere haben in einigen US-Bundesstaaten bereits durchgesetzt, dass an den Schulen der Kreationismus &#8211; also die Schöpfungslehre der Welt gemäss dem alttestamentarischen Buch Genesis &#8211; gleichberechtigt neben der Evolutionstheorie zu lehren sei.</p>
<h3>Mehr Existenz erfahren</h3>
<p>Persingers neuropsychologische Experimente bauen auf den Beobachtungen aus der Neurologie auf, dass Epilepsiepatienten, bei denen die Anfälle begrenzt in umschriebenen Arealen der Schläfenlappen ablaufen, von mystischen Erlebnissen während des neuronalen Ausnahmezustands berichten. Nicht ohne Grund wird diese Epilepsieform auch als &#8220;ekstatische Epilepsie&#8221; bezeichnet. Alle Dinge scheinen belebt und mit Bedeutung erfüllt. Der Zustand völliger Klarheit und vollkommener Erleuchtung wird beschrieben. Selbst mit lebhafteste Visionen à la Jeanne d’Arc (&#8221;in Flammen stehen&#8221;), mit dem Erscheinen von Engeln und dem Vernehmen von Stimmen sieht sich diese Patientengruppe konfrontiert. Als &#8220;Heilige Krankheit&#8221; göttlichen Ursprungs wurde die Epilepsie bereits von den Menschen der Antike gesehen. Wer ausser Gott sollte einen erwachsenen Mann wie vom Blitz getroffen aus dem Stand werfen können und ihn völlig ausser Kontrolle um sich schlagen lassen?</p>
<p>Auch einige religiöse Prominenz der Kirchengeschichte steht unter dem dringenden Verdacht, ihre göttlichen Visionen im Neuronengewitter epileptischer Anfälle halluziniert zu haben: Johanna von Orléans, Apostel Paulus, oder die heilige Teresa von Avila. Dazu gibt es wichtige Hinweise aus den Biographien, gesicherte posthume Diagnosen sind aufgrund der lückenhaften Datenlage selbstverständlich nicht zu stellen. Gut möglich, dass Apostel Paulus die Epilepsie meinte, wenn er selbst von seinem &#8220;Pfahl im Fleisch&#8221; redete, an dem er leide. Seine Beschreibung der Begegnung mit dem auferstandenen Christus vor Damaskus mit Lichterscheinungen und dem Vernehmen der Stimme Jesu gäbe ein geradezu klassisches Beispiel für einen Schläfenlappen-Anfall, sind doch sensorische Störungen wie Lichteindrücke und akustische Halluzinationen typisch für diese Epilepsieform. Zweifellos gehört die Erfahrung Gottes in einem epileptischen Anfall zu den existenziellsten Erfahrungen, die ein Mensch machen kann. Die russische Schriftsteller-Ikone Fyodor Dostoevsky, selbst nachgewiesenermassen Schläfenlappen-Epileptiker, lässt uns durch eine seiner Romanfiguren an einem solchen Anfall teilhaben: &#8220;Die Luft ist erfüllt mit grossem Lärm und ich dachte, ich würde verschlungen. Ich habe wahrhaftig Gott berührt. Er kam in mich, mich selbst hinein; ja, Gott existiert, schrie ich und ich erinnere mich an gar nichts anderes. All ihr gesunden Leute könnt euch das Glück nicht vorstellen, das wir Epileptiker in der Sekunde vor dem Anfall erleben. Ich weiss nicht ob diese Glückseligkeit Sekunden, Stunden oder Monate dauert, aber glaube mir, nicht für alle Freuden, die das Leben bringt, würde ich diese eintauschen.&#8221;</p>
<p>Auf rekordverdächtige mehrere Hundert Visionen in über fünfundzwanzig Jahren brachte es Ellen Gould White, die Stifterin der &#8220;Adventisten des Siebten Tags&#8221;. Nach Meinung eines renommierten Neurologen zeigte auch sie typische Anzeichen von Schläfenlappenepilepsie. Fernab von himmlischer Eingebung könnten die direkten Auswirkungen eines dieser Epilepsiesymptome, das manische Schreiben (&#8221;Hypergraphie&#8221;), den schwergewichtigen Adventisten-Katechismus mit den fast fünfzig Bände umfassenden Originalschriften Whites verursacht haben.</p>
<p>Auch Star-Neurologe Vilayanur Ramachandran, Professor für Psychologie und Neurowissenschaften an der University of San Diego, hat die neuronale Grundlage für religiöse Erfahrungen aufgrund eigener Untersuchungen in den Schläfenlappen geortet. Auch seine Forschungsergebnisse legen nahe, dass religiöse Erfahrungen von der Aktivität der Schläfenlappen abhängt. Die Tatsache, dass dieses Hirngebiet auch für die Sprachwahrnehmung von Bedeutung ist, könnte zudem mit erklären, weshalb ein häufiges Element religiöser Visionen auftritt: Das Hören der Stimme Gottes. Gerade im Zustand reduzierter äusserer Reizeinflüsse &#8211; ein in Meditationsübungen oder im Gebet üblicherweise gesuchter Umstand &#8211; wird eine folgenschwere Fehlinterpretation des Gehirns wahrscheinlich: Der innere gedankliche Dialog, den wir fortwährend mit uns selbst führen, kann plötzlich als von aussen kommende Stimme erlebt werden. Das Hirn täuscht sich ganz einfach bei der Lokalisation der Sprachquelle. Dieser Umstand allerdings rückt das visionäre Vernehmen göttlicher Botschaften in gefährliche Nähe zu den Psychosen, sind doch gerade akustische Halluzinationen ein zentrales Charakteristikum von Schizophrenien. Ob ein mit göttlichen Botschaften Erleuchteter nun als auserwählter Prophet verehrt oder psychiatrisch mit Neuroleptika behandelt wird, dürfte weitgehend von den sozio-kulturellen Begleitumständen abhängen. Tatsächlich ist das Auftreten religiöser Wahnvorstellungen einer der häufigsten Gründe für die Einweisung in eine Psychiatrische Klinik.</p>

<a href='http://www.neuroculturelab.com/?attachment_id=262' title='opus-dei-1'><img width="150" height="150" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/opus-dei-1-150x150.jpg" class="attachment-thumbnail" alt="" title="opus-dei-1" /></a>
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<a href='http://www.neuroculturelab.com/?attachment_id=266' title='opus-dei-5'><img width="150" height="150" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/opus-dei-5-150x150.jpg" class="attachment-thumbnail" alt="" title="opus-dei-5" /></a>
<a href='http://www.neuroculturelab.com/?attachment_id=267' title='opus-dei-6'><img width="150" height="150" src="http://www.neuroculturelab.com/wp-content/uploads/2010/04/opus-dei-6-150x150.jpg" class="attachment-thumbnail" alt="" title="opus-dei-6" /></a>

<p>Katholischer Fundamentalismus: Heiligsprechung von Josemaría Escrivá, Gründer von Opus Dei, Rom 2002.</p>
<h3>Der Scheitellappen verstummt in der Stille der Versenkung</h3>
<p>&#8220;Neurobiologen schieben betende Nonnen in den Tomographen&#8221;  resummiert Die Zeit in einem kürzlich erschienenen Artikel über die neurowissenschaftliche Untersuchung von Glaubensphänomenen. Und spielt damit auf die Bildgebungs-Studie des amerikanischen Radiologen und Dozenten für Religionswissenschaft Andrew Newberg an, eines weiteren Hauptvertreters der noch jungen Forschungsdisziplin &#8220;Neurotheologie&#8221;. Newberg hat an der University of Pennsylvania mit einer radioaktiven Markierungssubstanz und einem speziellen Computertomographen die neurophysiologischen Auswirkungen zweier traditionsreicher spiritueller Praktiken auf die Hirnaktivität sichtbar gemacht. Und ist dabei auf interessante Befunde gestossen. Sowohl bei meditierenden tibetanischen Buddhisten im Zustand des &#8220;Einsseins mit dem Kosmos&#8221;, wie auch bei tief im Gebet versunkenen Franziskaner-Nonnen ging die Durchblutung des Scheitellappens drastisch zurück. Ein Hirnareal, das sonst unentwegt feuert, verstummt in der Stille der Versenkung. Dies ist insofern bedeutsam, als sich in diesem Hirngebiet auch das &#8220;Orientierungsareal&#8221; befindet, also jene Nervenzellverbände, welche normalerweise Informationen über Zeitabläufe und räumliche Orientierung verarbeiten. Aus Untersuchungen mit Hirnverletzten ist seit langem bekannt, dass eine Verletzung des oberen Teils des Scheitellappens die Fähigkeit stört, sich im Raum zu orientieren oder Distanzen richtig abzuschätzen. Aufgrund der Reizblockade im oberen Teil des Scheitellappens wäre es somit durchaus erklärbar, dass sich das subjektive Erleben bei der spirituellen Versenkung gänzlich in der Raum- und Zeitlosigkeit verliert. Derartige Transzendenzzustände sind denn auch in fast allen Religionen bekannt und werden als Zen, Nirvana, Brahmanatman oder in der christlichen Tradition des extatisch-visionären Schauens als &#8220;Unio mystica&#8221; bezeichnet. Immer meint dabei der spirituell Entgrenzte, die Unendlichkeit in Erhabenheit zu berühren. Franziskanerschwester Celeste, eine der Versuchsteilnehmerinnen in Newbergs Studie, erklärte dem Nachrichtenmagazin Newsweek, was sie während ihres dreiviertelstündigen Gebets vor der Tomographiemessung empfand: &#8220;Ich fühlte Einkehr, Frieden, Offenheit zur Erfahrung. Da war eine Bewusstheit und eine Empfindsamkeit für die Anwesenheit Gottes um mich herum. Und ein Gefühl der Zentriertheit, der Ruhe, des Nichts; aber auch Momente der Fülle der Anwesenheit Gottes. Gott hat mein Sein durchdrungen.&#8221;  Da buddhistische Meditationsmeister und Franziskaner-Nonnen gemäss der Newberg-Studie in hirnphysiologisch vergleichbaren Endzuständen landen, scheint es für das Hirn also keinen Unterschied zu machen, woran wir glauben.</p>
<h3>&#8220;Gottektomie&#8221; bei Terroristen?</h3>
<p>Gibt es also ein &#8220;Gott-Modul&#8221;, eine Art grundlegenden religiösen Schaltkreis im Hirn? Ist Gott womöglich nur ein ganz spezifischer, klar umschreibbarer neuronaler Zustand? Ein Hirngespinst? &#8220;Müssen&#8221; wir quasi glauben, allein aufgrund der Art und Weise, wie unser Gehirn funktioniert? Und wenn ja, könnte man die zugrunde liegenden Neuronenschaltungen gegebenenfalls gezielt beeinflussen, zum Beispiel mit Medikamenten?  Wird ein eingeschüchterter Staat vielleicht einmal in zwanzig Jahren aus Gründen nationaler Sicherheit bei gewaltbereiten Fundamentalisten eine präventive &#8220;Gottektomie&#8221; anordnen? Unbestreitbar, und gerade in Zeiten des globalen fundamental-islamistischen Terrors leidvoll zu erfahren ist der Zusammenhang zwischen Glauben und Gewalt. In einem seiner provokanten Aufsätze, veröffentlicht im Standardwerk &#8220;Neurotheologie: Gehirn, Wissenschaft, Spiritualität und religiöse Erfahrung&#8221; von Rhawn Joseph, erläutert Schläfenlappen-Zapper Michael Persinger eindrücklich die möglichen Folgen religiöser Überzeugung: &#8220;Etwa sieben Prozent der für die Psychologieklasse eingeschriebenen erstsemestrigen Universitätsstudenten bejahten in einer Umfrage die Aussage ‚Wenn Gott es mir befähle, würde ich in seinem Namen töten’.&#8221; Gemäss Persinger stieg der Anteil der zur äussersten Gewaltanwendung bereiten Männer auf fünfundzwanzig Prozent unter denen, die regelmässig eine Kirche, Synagoge, Moschee oder eine andere religiöse Institution besuchen. Und eigene religiöse Grenzerfahrungen scheinen die Gläubigen weiter zu radikalisieren: &#8220;Etwa fünfzig Prozent der Männern, die oft eine Kirche besuchten, die von religiösen Erfahrungen berichteten, und die Anzeichen einer erhöhten Schläfenlappen-Aktivität zeigten, gaben an, im Namen Gottes zu töten.&#8221;</p>
<h3>Dies ist Dein Hirn auf Apfelstrudel</h3>
<p>Es liegt in unserer biologischen Natur, dass alle Erfahrungen, zu denen wir fähig sind, vom banalen Besorgen einer Busfahrkarte bis hin zu leidenschaftlichster Liebe an bestimmte Hirnzustände, die &#8220;neuronalen Korrelate des Bewusstseins&#8221; gebunden sind. Oder um es mit dem Bewusstseinsphilosophen und KI-Forscher Marvin Minsky zu sagen: &#8220;mind is what the brain does&#8221;. Diese griffige Formel bringt die aktuell konkurrenzlos vorherrschende biologistische Reduktion des schon von Descartes formulierten Leib-Seele Problems auf den Punkt: Die Seele ist weg, was bleibt ist der Leib. Es ist also wenig erstaunlich, dass auch Glaube, Religiosität und mystisches Erleben in dieser Weltsicht auf neuronale Bewusstseinsentsprechungen zurückgeführt werden. Schon allein die Tatsache, dass spirituelle Erfahrungen durch alle Zeiten und Kulturen sehr ähnlich sind, spricht für eine prinzipielle Beteiligung funktioneller Strukturen des Gehirns. Auch Neurotheologe Newberg ist sich völlig im klaren darüber, dass sich mit Hirnexperimenten Gott weder beweisen noch falsifizieren lässt. Sein einleuchtender kulinarischer Vergleich: Der Verzehr eines Apfelstrudels erzeuge gewisse geistige Phänomene &#8211; beispielsweise beim Genuss der eingestreuten Rosinen &#8211; die mit spezifischen Hirnvorgängen einhergehen, die für Neurologen beobachtbar seien (&#8221;this is your brain on apple pie&#8221;). Aber dass es bestimmte Hirnvorgänge gäbe, bedeute natürlich nicht, dass der Apfelstrudel ein Hirngespinst sei. (Um noch ein wenig spitzfindig zu werden: Wir können letztendlich aber auch die reale Existenz des Apfelstrudels nicht mit letzter Sicherheit beweisen.)</p>
<p>Die grösste aller grossen Fragen, nämlich eben die, ob es Gott gibt oder nicht, werden auch biotheologische Studien nicht beantworten können. Ob Gott unser Gehirn &#8211; und damit auch die Fähigkeit, ihn zu erkennen &#8211; erschaffen hat, oder ob unser Gehirn erst Gott schafft, ist und bleibt eben Glaubenssache. Man landet bei der ontologischen Gretchenfrage nach der wahren oder illusionären Natur Gottes einmal mehr in der Sackgasse &#8211; immerhin zeitgemäss mit Hightechmethoden der Hirnforschung. Und auch der sich aufgeklärt gebende Atheist glaubt ja schliesslich nur, dass es keinen Gott gibt.</p>
<p>Eine häufig geäusserte Grundsatzkritik an den biotheologischen Studien ist auch, dass sie ausser Acht lassen, dass Religiosität in erster Linie ein komplexes soziokulturelles Phänomen sei. Schliesslich hätten nur die allerwenigsten Gläubigen in ihrem Leben jemals eine echte spirituelle Grenzerfahrung. Erleben und Verhalten der unerleuchteten Mehrzahl der Gläubigen zu untersuchen, sei somit wohl eher Sache von Soziologen und Psychologen, denn Erkenntnis versprechender Gegenstand der Neurobiologie.</p>
<p>Es ist eine ökonomische Erfahrungstatsache, dass alles, was technisch realisierbar ist und mit Hinblick auf einen potenziellen Markt als wirtschaftlich sinnvoll erscheint, irgendwann auch vermarktet wird. In einer hoch technisierten Welt, in der jedermann auf seiner ganz privaten Sinnsuche oder auch nur individual-hedonistischen Spassmission ist, liefert Persingers Magnetspulenhelm zur Erzeugung spiritueller Erfahrungen die technischen Voraussetzungen für einen völlig neuen Markt. Instant-Mystik, wie sie bis anhin allenfalls illegal mit nebenwirkungsreichen psychedelischen Pilzomeletten oder LSD zu erzielen waren, könnte schon bald in konsumentenfreundlicher Ausführung und durchgestyltem Design daherkommen. Man mag sich iGod vorstellen, ein mattgraues Chromstahl-Gimmick mit weissen Bügeln und einem diskreten digitalen Drehrad. Durch sanfte Manipulation an diesem blessing wheel könnte dereinst die Intensität der religiösen Erfahrung nach Wunsch reguliert werden. Vorerst muss noch beträchtliche Entwicklungsarbeit in die Miniaturisierung der Persinger’schen Versuchsanordnung investiert werden. Und auch in der Ästhetik-Evolution vom schmuddeligen Motorradhelm mit Spulen hin zum trendigen Designerstück müssten noch ein paar Quantensprünge vollzogen werden. Doch spricht nichts Prinzipielles gegen die Vorstellung, dereinst in der Unterhaltungselektronik-Abteilung von Media Markt eine Godbox vorfinden zu können. Möglicher Werbeslogan: &#8220;In die Kirche? Ich bin doch nicht blöd !&#8221;</p>
<h3>Zukunftsmusik: iGod</h3>
<p>Tatsächlich sind Prototypen dieser Technologie mit Zukunftspotential schon heute auf dem Internet zu kaufen. Zugegebenermassen machen diese vorläufig noch einen reichlich selbst gebastelten Eindruck. Das Topmodell von Shakti Spiritual Technology kostet 220 Dollar, läuft unter Windows und benutzt die Soundkarte des Computers zur Erzeugung der Magnetfelder für die spirituelle Schläfenlappenmassage. Soll gemäss Website &#8220;Ausserkörpererfahrungen, Klarträume, Telepathie und Glückszustände&#8221; bewirken und auch die Meditation ganz beträchtlich vereinfachen.</p>
<p>Wäre es nicht denkbar, dass die neue Technologie mit der spirituellen Tiefenwirkung dereinst den rituellen Kern einer modernen Religion des 21. Jahrhunderts bilden könnte? Das ultimative &#8220;Wir&#8221;-Gefühl in der global vernetzten Kirchengemeinde durch kollektives Zappen der Schläfenlappen? Das Anstreben einer gemeinsamen Transzendenzerfahrung als religiöses Ritual hat schliesslich eine uralte Tradition. Bis in die heutige Zeit verwenden indigene Kulturen in Lateinamerika psychoaktive Pflanzen von Meskalin bis Ayahuasca als psychedelischen Treibstoff für die gemeinsame Reise in die nächste Dimension. Gut vorstellbar, dass sich in einer Art Hightech-Sekte iGod zur modernen IT-Version bewusstseinsverändernder Sakralpraktiken entwickeln könnte.</p>
<p>Eine solche Zukunftsvision wäre auch perfekt mit den futuristischen Szenarien der berühmtesten Neurowissenschaftlerin Grossbritanniens, Baroness Susan Greenfield zu vereinbaren. Die Leiterin des interdisziplinären Centre for the Science of the Mind untersucht auch den Einfluss des Glaubens auf das Gehirn. In ihrem jüngsten Buch Tomorrow’s People spekuliert die geadelte Pharmakologie-Professorin darüber, wie fundamental die Technologien des 21. Jahrhunderts Denken, Fühlen und Handeln des Menschen verändern könnten. Sie entwickelt darin das Szenario einer Gesellschaft, die sich in einem Zustand permanenter selbst gewählter Realitäts-Manipulation und Reizüberflutung befindet. Sie prophezeit eine bunte Welt voll von virtuellen Helfern, digitalen Knechten, Lifestyle-Drogen und Designermolekülen für Glück und Sex. &#8220;Augmented Reality&#8221; und &#8220;Virtual Reality&#8221; könnten für uns schon bald attraktiver als die profane Alltagsrealität werden, weil sich die künstlichen IT-Welten besser nach unseren eigenen Bedürfnissen erschaffen und gestalten lassen. Greenfield ist sich sicher: &#8220;Das menschliche Gehirn ist keine unantastbare Grösse mehr. Wir halten den Schlüssel zur Veränderung des Bewusstseins, zur Erosion des Individuums in der Hand.&#8221;</p>
<p>Ganz unabhängig von der zukünftigen Entwicklung und Kommerzialisierung von Erleuchtungsmaschinen für den Hausgebrauch lässt sich aus den neurotheologischen Untersuchungen bereits heute Bedeutsames ableiten. Was Religionswissenschafter schon seit Jahrhunderten in der Philosophia perennis diskutieren, nämlich dass ein gemeinsamer und im Wesen gleicher Kern absoluter Wahrheit in allen Religionen stecke, erfährt gerade eine moderne neurobiologische Umdeutung. Vielleicht ähneln sich die spirituellen Erfahrungen der Menschen durch alle Kulturen gar nicht deshalb, weil sie auf denselben Gott oder eine universell gültige Wahrheit hindeuten, sondern ganz einfach, weil die Gehirne der Menschen gleich funktionieren. Ob Schläfenlappenzappen, Drogentrip, Meditation oder epileptischer Anfall &#8211; auf den nicht vorgesehenen Ausnahmezustand kann das Gehirn nur mit ganz beschränkten Erfahrungsmöglichkeiten reagieren. Und seit Jahrtausenden eine der beliebtesten scheint die Halluzination einer höheren spirituellen Wahrheit zu sein.</p>
<p>Brain, Science, Spirituality, Religious Experience: R. Joseph, Andrew Newberg, Matthew Alper, William James, Friedrich Nietzsche, Eugene G. D’Aquili, Michael Persinger, Carol Albright. University Press, 2003   Why God won’t go away: Brain science and the biology of belief by Andrew Newberg, Eugene G. D’Aquili, Vince Rause. Ballantine Books, 2002.   Tomorrow’s People: How 21st-century technology is changing the way we think and feel: Susan Greenfield. Gardners Books, 2004.</p>
<p>© neuro culture lab</p>
<h4>Publiziert in:</h4>
<p><a href="http://www.weltwoche.ch/ausgaben/2005-50/artikel-2005-50-ein-gefuehl-schoener-als-glueck.html?0=">Gott spüren: Ein Gefühl schöner als Glück, Weltwoche 50/2005</a></p>
<h3>Via Crucis</h3>
<p>Als Danksagung für einen unbeschadet überlebten Unfall, hatte Ruben Enaje versprochen, sich 18 Jahre lang jeden Karfreitag ans Kreuz nageln zu lassen. Wir haben ihn eine Woche lang begleitet.</p>
<p>San Pedro Cutud, Philippinen, 2003.</p>
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<p>Die Musik zum Film stammt vom <a href="http://www.klanglabor.li/" target="_blank">Klanglabor</a>, das uns zuweilen auch bei Ausstellungen unterstützt.</p>
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